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    SLOW FASHION

    Warum ich (gern) für einen Pulli Schlange stehe

    Meine Füße kribbeln vor Kälte. Die Schlange vor mir wird nur langsam kürzer. Und ich umso ungeduldiger. Die Mittagspause neigt sich dem Ende. Nach einer halben Stunde schreibe ich meiner Chefin eine SMS, dass ich später ins Büro zurückkomme und dafür abends länger bleibe.

    „Es dürfen immer nur zehn Leute in den Laden“, erklärt der Mann mit der schwarzen Baseballcap, der vor der B-Lage steht. Er passt auf, dass das kleine Geschäft in der Hamburger Kampstraße nicht überrannt wird. Als er zwischendurch mehr potenzielle Kundinnen reinlässt, ermahnt ihn die Ladenbesitzerin, Vanessa Janneck. „Sorry, Mädels.“

    B-Lage: Lange Schlange
    Schlange vor der B-LAGE

    Der Grund für den Ansturm: Die österreichische Aktivistin und Autorin („Starkes weiches Herz“) Madeleine Alizadeh alias dariadaria ist mit ihrem Fair-Fashion Label dariadéh in der Stadt. Im Spätsommer hat die 30-Jährige eine weitere Kollektion mit Strickpullovern, Bodys und Longsleeves gelauncht; nach wenigen Stunden hieß es im Onlineshop nur noch „sold out“.

    Die Pop-up-Stores, mit denen dariadaria durch Österreich und Deutschland tourt, sind eine der wenigen Gelegenheiten, noch ein Teil zu ergattern. Und die Influencerin einmal persönlich zu treffen.

    Normalerweise kaufe ich Kleidung gebraucht – auf Flohmärkten, in Secondhand-Läden oder mal online bei Kleiderkreisel. Dank Tauschpartys gebe ich manchmal auch überhaupt nichts für Klamotten aus. Und seit ich bei einem Vortrag der Londoner Autorin Tansy Hoskins („Das antikapitalistische Buch der Mode“) war, will ich eigentlich gar nichts Neues mehr zu kaufen.

    Denn egal, ob es sich um Fast oder Fair Fashion handelt: Es werden Ressourcen verwendet, von denen wir ohnehin zu wenig haben. Am 29. Juli war in diesem Jahr der Earth Overshoot Day. Also der Tag, an dem wir alle nutzbaren Ressourcen verbraucht haben, die uns 2019 zur Verfügung standen. Vor 20 Jahren lag das Datum noch zwei Monate später.

    Eine (etwas ältere) Studie von Greenpeace hat ergeben, dass Frauen im Schnitt 118 Kleidungsstücke besitzen. Jedes fünfte wird nicht getragen.

    Auf meiner Kleiderstange hängen allein schon neun Strickpullover. Brauche ich also noch einen? Vermutlich nicht. Kaufe ich ihn trotzdem? Ja.

    Das ist dann wohl ein Fall von kognitiver Dissonanz. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich fast 45 Minuten bei sechs Grad gewartet habe. Vielleicht auch am Dopamin, das mein Körper beim Shoppen ausschüttet.

    Ich bin davor noch nie für einen Pulli angestanden. Aber es ergibt durchaus Sinn. Wir sind es gewohnt, alles in kurzer Zeit in der Hand zu halten: Wenn wir durstig sind, drehen wir den Wasserhahn einfach auf und lassen unser Glas volllaufen. Bei Hunger öffnen wir den Kühlschrank, gehen kurz einkaufen oder bestellen etwas. Kleidung und andere Dinge kriegen wir sofort im Laden oder online.

    Hier in der Schlange fällt mir auf, wie privilegiert und verwöhnt ich bin. Und es zeigt mir, dass Kleidung nicht selbstverständlich ist. Oder nicht sein sollte.

    Dass herkömmliche Marken wie H&M und Co. noch immer T-Shirts zum Preis eines Caffè Lattes verkaufen, ist pervers. Dahinter steckt ein System, das vor allem Frauen ausbeutet. Viele arbeiten für einen Hungerlohn und sind dabei giftigen Chemikalien ausgesetzt.

    Zwar hat seit dem Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza vor sechs Jahren ein Umdenken stattgefunden. Aber es ist bei Weitem noch nicht genug. Da helfen auch keine freiwilligen Öko-Label wie der „Grüne Knopf“.

    Dariadaria versucht mit ihrem Label, „qualitativ hochwertige und nachhaltige Mode für jeden“ herzustellen. Das heißt ökologisch und fair. Massenproduktion ist damit (vorerst) nicht möglich – deshalb kommt es auch zu den langen Wartezeiten.

    „Buy less, choose well, make it last“, steht auf dem Etikett des olivgrünen Strickpullovers, den ich gekauft habe. Er wird mich hoffentlich lange begleiten. Und ich nehme mir vor, dafür noch etwas auszumisten.

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