WORDS

Analoge Entschleunigung

Es ist ruhig geworden auf meinem Blog. Zu ruhig. Das liegt aber nicht daran, dass ich keine Ideen hätte. Im Gegenteil: In meinem Kopf sprudelt es nur so davon. Ich habe nur keine Zeit, sie umzusetzen.
 
Oder was heißt schon Zeit haben? Wir alle haben jeden Tag 24 Stunden zur freien Verfügung, die wir so gestalten können, wie wir wollen. Es kommt immer nur darauf an, welche Priorität man sich setzt.
 
Der Blog hatte scheinbar in letzter Zeit weniger Priorität. Durch mein Studium (Journalistik) und meinen Job (Texterin) verbringe ich gefühlt jede Sekunde damit, zu schreiben. Deshalb habe ich auch weniger Lust, noch mehr vorm Bildschirm zu verbringen und zu schreiben. Im Sommer, wenn ich Ferien habe, wird das sicher anders.
 
Aber darum sollte es eigentlich gar nicht gehen. Sondern um Entschleunigung. Analoge Entschleunigung, um genauer zu sein.
 
Wie ich darauf komme?

Sonnenuntergang über Porto

 
Vergangene Woche war ich noch in Portugal. Mit im Gepäck: meine Kamera. Wie kann’s auch anders sein. In diesem Urlaub habe ich über 2.000 Fotos gemacht. In sieben Tagen. Und das ist nur die eine Kamera. Daneben fotografierte ich noch mit meinem Handy, der Lomo-Kamera und einer kleinen Digitalkamera beim Weggehen. Dementsprechend habe ich ziemlich viel vom Land nur durch die Linse gesehen. Ich hatte zwar trotzdem das Gefühl, viel erlebt und nichts verpasst zu haben. Aber dennoch.
 
Irgendwo in der Altstadt Portos. Meine Reisebegleitung – die reale, nicht die Kamera – muss schmunzeln, weil wir schon wieder stehen bleiben, damit ich ein Foto machen kann. »Warum bist du hier?«, fragt sie mich. »Um Fotos zu machen.« Natürlich stimmt das nicht ganz. Klar liebe ich es, die kleinen Szenen auf der Straße einzufangen. Oder die kleinen Details, die auf einem Foto so bedeutend wirken, in echt aber kaum auffallen. Oder diese atemberaubenden Landschaft, die bei uns daheim ganz anders aussieht. Vor allem fotografiere ich aber, um all die schönen Momente in mich einzusaugen. Wie in einen Schwamm. Um ja nichts von diesem unbeschreiblich tollen Glücksgefühl wieder zu vergessen.
 
Aber seien wir mal ehrlich: Ich bin nicht wegen der Fotos hergekommen. Sondern wegen Land und Leute. Und um etwas zu erleben. Aber manchmal, da vergisst man das hinter einer kleinen Linse.
 
Die Generation meiner Eltern packte maximal zwei 36er-Filme und ihre analoge Kamera ein, wenn es in den Urlaub ging. Das war’s. Sie waren vor Ort, ließen sich auf Land und Leute ein und konnten mal einen Moment komplett abschalten. Sie ersparten sich die stundenlange Nachbereitung der Fotos, das ewige Aussortieren. Das, was auf den Fotos fehlte, ergänzten sie mit den Erzählungen aus ihrer Erinnerung.
 
Ich möchte das auch. Wirklich präsent sein. Alles mit den Augen aufnehmen und nicht ständig durch ein kleines Guckloch starren und auf den Auslöser drücken. Versteht mich nicht falsch: Ich liebe die Fotografie. Aber manchmal, da muss man einfach mal entschleunigen und sich in den Moment stürzen.
 
Als ich meiner Mitbewohnerin davon erzählte, dass ich in Portugal viel zu viele Fotos gemacht habe, stellte sie mich zum Spaß vor eine Herausforderung: den nächsten Urlaub ohne meine Kamera verbringen. Nun, mein nächster Ausflug führt am Wochenende nach Augsburg, zum Modular-Festival. Ich werde meiner Spiegelreflexkamera mal eine Pause gönnen und schauen, ob ich ohne sie „überlebe“. Der Notfallplan: Ich darf Leute fragen, ob sie Fotos für mich machen und sie mir schicken. Ich bin jedenfalls gespannt, was daraus wird. Challenge accepted.
 
EDIT / FAZIT
Am Wochenende war ich dann wirklich ohne Kamera unterwegs. Mein Fazit: sehr gut machbar, sehr entspannt. Ich bin wohl doch nicht so süchtig, wie ich dachte. Die Jahre davor war ich immer mit der Spiegelreflexkamera auf dem Modular-Festival unterwegs, um Fotos für die Unizeitschrift zu machen. Ich fand die Abwechslung, einfach mal so da zu sein, echt angenehm. Und wenn ich unbedingt mal ein Foto von etwas haben wollte, dann habe ich einfach meine Freunde gefragt. Jemand Fremden danach zu fragen, hab ich mich bisher nicht getraut – vielleicht ja nächstes Mal. Auf jeden Fall werde ich im nächsten Urlaub gezielter und bewusster fotografieren. Slow photography sozusagen. Aber versucht das ruhig mal aus – es ist gar nicht so schwer, sondern wirklich etwas entschleunigend!

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4 Comments

  • Reply
    christine polz
    Juni 6, 2015 at 2:10 pm

    Das nenne ich mal eine interessante Challenge. ;) Ich könnte mir das gar nicht vorstellen… einerseits verstehe ich dich absolut. Ich hänge wegen meinem Beruf auch schrecklich viel vor dem PC und brauche das in der Freizeit nicht unbedingt noch mehr. Ich weigere mich beispielsweise einen eBook Reader zu kaufen. Abends im Bett brauche ich dann ganz analog echte Seiten und Papier. Aber auf Fotos im Urlaub könnte ich nieeeemals verzichten. ;)

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    Ariane
    Juni 6, 2015 at 7:11 pm

    Spannende Challenge, da bin ich mal gespannt :D Das würde mir auch mehr als schwer fallen. Ich verreise ja oft aus genau diesem Grund nur mit einer analogen Kamera, aber ganz ohne Kamera?! Das könnte ich mir wirklich schlecht vorstellen… Wäre mal interessant, das auszuprobieren ;)

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    Stefanie
    Juni 8, 2015 at 7:19 pm

    Ich finde das eine gute Idee. Aber damit du dann nicht gar nie mehr Fotos machst, kannst du ja die Kamera mitnehmen, aber dich immer wieder dran erinnern, dass du nicht alles festhalten musst. Vielleicht sagst du dir: Höchstens 10 Fotos pro Tag, dann schaust du vielleicht auch genauer hin, was du fotografieren möchtest.

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    lilla blåbäret
    Juni 8, 2015 at 9:12 pm

    Ich verstehe voll und ganz was du meinst! Entschleunigung kann die Welt sowieso ganz gut gebrauchen. Bei der ganzen Hetzerei von einem Termin zum nächsten, bleibt kaum Zeit mal in sich zu gehen und das Drumherum einfach wirken zu lassen. Ich fotografier im Urlaub meistens nur die ersten 1-2 Tage viel und danach möchte ich einfach nur noch genießen ;).

    Liebe Grüße,
    Leona

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