SUSTAINABILITY

Wie innovativ ist unsere Kleidung?

Kaffee, Milch, Heuwiese, Kork – aus diesen Materialien bestehen die Schuhe von Sebastan Thies. Er arbeitet in sechster Generation als Designer bei dem Luxuslabel nat-2™ (gesprochen: næt-tu) und entwickelt nachhaltige High-End-Sneaker in München. Genau diese Schuhe machen gerade die Runde durch die Hände des Publikums im Laden von Glore Altona. Die Sneaker fühlen sich mal schwerer (Heuwiese), mal leichter an (Filz). Sie kosten je nach Material und Produktionsaufwand ab 69 Euro aufwärts.

Tatsächlich ist das hier aber keine Produktshow, sondern die 13. Auflage von Cut Up: einem Diskussionsformat über Nachhaltigkeit in der Mode und Textilindustrie. Constanze Klotz und Lotte Erhorn des fairen Hamburger Labels Bridge&Tunnel haben Cut Up 2015 gemeinsam mit der Textildesignerin Prof. Frauke von Jaruntowski ins Leben gerufen.

Das Thema dieses Mal: innovative Materialien.

Die Gäste, das sind neben Schuhdesigner Sebastian Thies von nat-2 Wiebke Clef, die Inhaberin der beiden Glore Stores in Hamburg sowie Prof. Dr. Ellen Bendt, die an der Hochschule Niederrhein am Institut für Textil und Bekleidung zu innovativem Produktdesign forscht. Die Moderation übernimmt Anna Schunck. Mit Marcus Werner betreibt sie den Nachhaltigkeitsblog Viertel Vor Mag.

Innovative Materialien

Bis wir hier in Altona die nachhaltigen Sneaker in den Händen halten konnten, sei es ein langer Prozess gewesen, erklärt Thies. Seine Familie entwickelt seit 150 Jahren Schuhe, angefangen als Filzunternehmen mit Naturmaterialien. Inzwischen experimentiert nat-2 mit diversen Materialien – sei es Mais, Hanf oder Holz. Viele Sneaker seien mittlerweile vegan, sagt Thies. Allerdings nicht alle. Denn es sei eine „ökologische Katastrophe“, wenn Tiere nicht ganzheitlich genutzt würden – besonders die Häute der Tiere. Technisch wäre das alles alleine nicht umsetzbar, so Thies. Deshalb würde nat-2 auch mit größeren Unternehmen zusammenarbeiten. Nur so erreiche man den Massenmarkt.

Thies‘ Schuhe hätten aber „überhaupt keinen Ökolook“, stattdessen setze er auf futuristische Designs. Sein Wunsch am Ende:

Ich plädoriere dafür, dass man sich mehr einlesen sollte, für das man sich interessiert.“

Sebastian Thies, Nat-2

In den Hamburger Glore-Geschäften von Wiebke Clef finden die Käufer*innen bereits viele Kleidungsstücke aus Biobaumwolle, Tencel und recyceltem Polyester. Clef hätte von den Herstellern gern noch mehr Produktinformationen. Denn oftmals würden sich die Menschen, die bei ihr einkaufen, nicht nur eine Kaufberatung wünschen, sondern auch mehr Details über die Herstellung und das Material der Kleidung.

Für Prof. Dr. Ellen Bendt gibt es derzeit die „perfekte Lösung“ bezüglich nachhaltiger Materialien noch nicht. Der Bioanteil von Kleidung mache nur ein Prozent aus. Natürlich sei es sinnvoll, so Bendt, Fasern in Form einer Kreislaufwirtschaft wiederzuverwenden. Allerdings sollte man dafür „überlegen, was wirklich nachhaltig ist“. Denn auch Recycling ist teils problematisch:

  • Recycling kostet mindestens zehn Prozent mehr,
  • und es sind Ressourcen wie Strom und Wasser eforderlich.
  • Hinzu kommt, dass Recycling manchmal sehr schwierig sein kann – etwa, wenn keine Monomaterialien verwendet wurden.

Ein Ziel der Textilindustrie ist laut Bendt deshalb eine Recycelfähigkeit, am besten aus sogenannten man made fibres und frei von CO2 hergestellt. Denn auch Naturmaterialien seien endlich. Und es gehe nicht nur darum, Bekleidung herzustellen, sondern die Menschen satt zu bekommen. Darüber hinaus müsse Kleidung auch massentauglich sein.

Die Rolle der Konsument*innen

In den vergangenen Jahren habe sich viel getan bezüglich des Konsumer*innenverhaltens, erklärt Wiebke Clef. Die Kund*innen, die zu ihr in den Laden kommen, seien bereits sehr informiert. Allerdings müssen die Produkte laut Clef vor allem optisch ansprechen. Dass sie nachhaltig und fair produziert würden, reiche allein nicht aus. Denn bei Materialien wie Hanf sei das „Ökoimage noch da“.

Gleichzeitig sei es wichtig zu informieren, wie der Preis der Kleidung zustande komme und was man von ihr erwarten könne. Oftmals hätten Kund*innen die unrealistische Vorstellung, nachhaltige Kleidung würde ewig halten. „Eine Hose ist immer noch eine Hose“, sagt Clef.

Die wichtigste Frage beim Kauf neuer Kleidung ist für die Inhaberin der Hamburger Glore-Stores immer die Überlegung:

Brauche ich das wirklich?

Wiebke Clef, Glore


Sie selbst wünsche sich mehr Wertschätzung für (alte) Kleidungsstücke. Deshalb sei sie auch nicht „pushy“ beim Verkaufen, sondern eher zurückhaltend. Als Konsument*innen sollten wir „mehr entspannen“, so Clef – man brauche nicht für jede Party etwas Neues.

Ein Problem, das Schuhdesigner Thies anspricht, ist das Nutzungsverhalten beim Onlineshopping. Dass Konsumer*innen ein Shirt in verschiedenen Größen und Farben bestellen, trete nicht nur bei Zalando auf, sondern beispielsweise auch beim nachhaltigen Avocadostore. Er selbst habe bereits Kund*innen angerufen, bei denen vier Paar Schuhe im Warenkorb laden. Und nachgefragt, ob ein Paar nicht reiche, denn die anderen drei würden vermutlich zurückgeschickt werden. Thies Angebot: Sollte das eine bestellte Paar nicht passen, würde nat-2 den Rückversand übernehmen – und ein anderes Paar kostenfrei schicken.

Auch Bendt spricht sich für mehr Wertschätzung aus. Früher habe man lange auf Kleidung gespart. Sie fragt:

Wann ist Shopping zum Hobby geworden?

Prof. Dr. Ellen Bendt


Konsumer*innen sollten „hochwertige Sachen kaufen“, die eine Langlebigkeit versprechen, so Bendt. Und bereit dazu sein, „Kleidung lange zu tragen“. Wichtig sei außerdem, Kleidung aus Monomaterialien zu beziehen – denn die sei einfacher zu recyceln. Ihr Wunsch: „Wieder mehr Spaß an Bekleidung zu haben“ und Lieblingsteile finden, die man gerne und lange trägt.

Disclaimer: Für diesen Beitrag erhalte ich kein Geld. Ich bin als Privatperson zur Veranstaltung gegangen, weil ich Interesse an einer nachhaltigen, besseren Zukunft habe.

Vorschaubild: unsplash.com/Amanda Vick

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1 Comment

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    Constanze
    Februar 3, 2020 at 3:09 pm

    Eine wunderbare Zusammenfassung des Abends. Mit soo viel spannenden Insights.

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