WORDS

Ich bin gierig nach…

»Wir sind sozial und mitfühlend. Und dann wieder egozentrisch und rücksichtslos.«

– das ist ein Zitat aus der Dokumentation GIER – Ein verhängnisvolles Verlangen. In mehreren Kapiteln wird die „Todsünde“ beleuchtet: wie sie entsteht, wie sie in unserem Gehirn funktioniert, was die Angst vor dem Tod damit zu tun hat, wann zu viel Gier schadet und dergleichen. Die Doku nimmt uns mit in die Schweiz, die USA, nach Simbabwe und Würzburg; sie zeigt verschiedene Menschen, die mit der Gier in Berührung kamen – wie Wissenschaftler, einen Ex-Banker oder einen afrikanischen Unternehmer.

Ich möchte nicht zu viel spoilern, schaut sie euch einfach an, wenn es euch interessiert.

Die Doku hat mich auf jeden Fall zum Nachdenken angeregt. Ich würde mich schon als empathisch beschreiben. Wenn es meinen Freunden schlecht geht, versuche ich, für sie da zu sein. Wenn jemand aus meiner Familie Hilfe braucht, bin ich da. Ich versuche, Rücksicht auf andere zu nehmen – sei es nur in der U-Bahn Platz für Schwangere oder Ältere zu machen.

»Gier verdirbt den Menschen, weil sie ihn isoliert. Und weil sie wie eine Droge ist: Je mehr ich habe, umso mehr möchte ich haben – weil mich das, was ich habe, nicht mehr befriedigt.«

Dennoch beschäftige ich mich zu oft mit mir selbst: Was ist die beste Entscheidung in dieser Situation? Wie könnte ich mich selbst verbessern? Was brauche ich, um glücklich zu sein? (Die Frage ist natürlich Quatsch, aber nur mal so als Beispiel).

Dauernd dreht sich alles um Selbstoptimierung – schneller, gesünder, sportlicher, belesener, besser?

Wonach bin ich gierig?

Vielleicht danach,

  • viel Zeit mit Familie und Freunden zu verbringen.
  • nach Stempeln im Reisepass und fremde Länder und Kulturen kennenzulernen.
  • so viel wie möglich zu fotografieren.
  • mich selbst zu verbessern – egal, in welcher Hinsicht.
  • mich neuen Herausforderungen zu stellen.
  • morgens den Wecker noch ein-, zweimal auf Snooze zu stellen.
  • neue Leute kennenzulernen – worüber sie lachen, was sie mögen, wovor sie Angst haben, was sie ausmacht.
  • weniger zu besitzen, analog und digital auszumisten.
  • neue Dinge zu lernen – Sprachen, Sportarten, Rezepte, was weiß ich.

Zu viel des Guten kann schaden. Wenn wir uns ständig nur darauf konzentrieren, etwas zu ändern, geht die ganze Energie darauf drauf; es ändert sich dann aber wohl kaum etwas.

Allerdings hätte ich über diese kleine Liste auch schreiben können, dass ich dankbar bin. Ich bin so unbeschreiblich dankbar dafür, dass ich über mein Leben (mehr oder weniger) selbstbestimmt entscheiden kann; dass ich Geld verdienen und reisen kann. Dass ich jeden Tag aufs Neue beschließe, welchen Herausforderungen ich mich stelle – sei es der Masterarbeit, meinem Job, sportlich oder sonst wie. Oder dass ich mich dafür entscheiden kann, genau das nicht zu tun – und einfach mal im Bett liegen zu bleiben.

Ich definiere mich nicht über Prestige-Dinge wie meinen Abschluss, meine Wohnung, schicke Kleidung oder ein Auto; Letzteres besitze ich noch nicht einmal.

Gleichzeitig bin ich auch nicht frei von Gier. Es gibt Phasen, da hinterlässt der Gedanke an den Tod Spuren bei mir. Wie wird das sein? Wie fühlt es sich an? Ich kann dann nicht schlafen, liege ewig wach im Bett. Noch schlimmer finde ich aber die Gedanken, jemanden zu verlieren, der mir nahe steht. Das zerreißt mich innerlich fast. Dementsprechend verwundert es nicht, wenn man „gierig“ danach ist, so viel Zeit wie möglich mit diesen Menschen zu verbringen. Jede gemeinsame Sekunde im Gehirn abzuspeichern, jede noch so kleine Erinnerung.

Ein bisschen Gier schadet nicht. Solange man nicht übertreibt.

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