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Über das Heilfasten

Die Härchen an meinen Armen stellen sich auf, Gänsehaut. Meine Nägel laufen allmählich blau an. Mein Herz pocht in unregelmäßigem Rhythmus, fast so, als hätte es Schluckauf. Egal, wie viel Tee ich trinke oder wie sehr ich mich in meinen XXL-Schal oder Decken wickle: Mir ist kalt.

So erging es mir besonders an den ersten beiden Tagen des Heilfastens: Ständig habe ich gefroren, mein Körper war wohl irritiert, dass er nicht seine regelmäßige Energiezufuhr bekam. Mal spürte ich auf einmal ein kurzes Stechen in den Beinen oder im unteren Bauch, mal war ich von ein bisschen Bewegung gleich außer Atem. Die ganze Zeit über fühlte ich mich schwach: Treppensteigen strengte mich an, selbst spazieren gehen – und das, obwohl ich davor ziemlich fit war.

Nichtsdestotrotz war es eine spannende Erfahrung, die ich heute mit euch teilen will.

Seit Jahren faste ich – warum ich das mache und worauf ich verzichte, habe ich bereits hier und hier mal aufgeschrieben. Ans Heilfasten habe ich mich bisher aber noch nicht getraut. Dieses Jahr habe ich’s endlich geschafft.

Was ist Heilfasten überhaupt?

Heilfasten gilt als naturkundliche Therapieform. Es gibt zahlreiche Kliniken und private Anbieter, bei denen man heilfasten kann. Aber natürlich geht es auch zu Hause – so hab ich das gemacht.

Ziel ist es, durch Nahrungsverzicht den Körper zu reinigen und zu entschlacken. Das Prinzip dahinter ist, dass im Körper verschiedene Stoffwechselprozesse ausgelöst werden, sobald keine Nahrung zugeführt wird. Der Körper wird sozusagen einmal resettet.

Wie funktioniert das Heilfasten?

Es gibt verschiedene Arten des Heilfastens, eine Übersicht findet sich bei Wikipedia. Mit am bekanntesten ist die Buchinger Methode. Diese Variante setzt auf Gemüsebrühe, Säfte und leichte Bewegung. Ungesüßter Kräutertee und Wasser können natürlich nach Beliebem getrunken werden.

Manche machen vor dem Fasten einen Einlauf oder benutzen Abführmittel, etwa mit Glaubersalz, um den Darm zu entleeren; dadurch soll man später weniger Hunger haben. Ich habe das nicht gemacht und kann dazu also nichts schreiben.

Vor jeder Fastenkur sollte man aber auf jeden Fall mehrere Aufbautage machen – also auf koffeinhaltige Getränke und Zucker verzichten, keinen Alkohol trinken, dafür fettarme Speisen wählen. Tipps für die Aufbautage findet ihr hier.

Ich habe an meinen drei Aufbautagen vor allem Apfelmus, Smoothies, Obst bzw. Gemüse und leichte Gerichte wie Salate oder Suppen zu mir genommen.

Gefastet habe ich fünf Tage lang – zweimal täglich gab es ein Glas Saft bzw. einen Smoothie, einmal eine Schüssel Brühe.

Dazwischen habe ich viel Tee und Wasser getrunken. Am Anfang habe ich noch mal ein kleines Glas Saft zusätzlich getrunken, wenn ich zu schwach war.

Hunger hatte ich lustigerweise vor allem an den Aufbautagen, beim Fasten selbst so gut wie gar nicht mehr. Nur ab und zu gluckerte mein Bauch und machte auf sich aufmerksam. Aber auch da halfen Tee und Wasser sowie Wärme, zum Beispiel durch eine Wärmflasche.

Grüner Smoothie und Orangensaft

Nach den fünf Fastentagen folgen noch mal mehrere Aufbautage.

Aber das merkt man schon selbst: Man könnte jetzt gar nicht gleich mit Pommes oder Burger starten, auch wenn man zwischendurch beim Fasten vielleicht mal daran denkt oder Lust darauf hat.

Es dauert einfach etwas, bis sich der Körper wieder an die Nahrung gewöhnt hat, bis die Verdauung wieder richtig in Gang ist.

Da sich die meisten Menschen erst nach drei Tagen besser fühlen, manchmal ist auch die Rede von einem Fasten-Hoch, sollte man mindestens fünf Tage durchhalten.

Was sind die Vorteile davon?

Dem Fasten werden eine Vielzahl von positiven Effekten zugesprochen. Besonders profitieren davon Menschen mit

  • Rheuma,
  • Diabetes Typ 2,
  • Bluthochdruck,
  • Schuppenflechte,
  • chronischen Schmerzsyndromen,
  • leichten Depressionen,
  • Allergien und Asthma,
  • Demenzen*.

Wer fasten will und krank oder sich unsicher ist, sollte davor mit seinem Hausarzt sprechen.

Gleichzeitig reinigt das Fasten den Körper, stärkt die Abwehrkräfte und hilft, sich danach gesünder zu ernähren.

*Alle Angaben via SPIEGEL WISSEN, Ausgabe 1 / 2018, S. 25–28

Ein Teil meiner Fasten-Vorbereitung

Wer sollte nicht heilfasten?

Verschiedene Gruppen sollten nicht fasten, dazu gehören*:

  • Schwangere
  • Kinder und Jugendliche
  • Menschen mit Diabetes Typ 1, mit fortgeschrittenen Herzkrankheiten, mit Psychosen, mit fortgeschrittener Nieren- oder Leberinsuffizienz, Schilddrüsenüberfunktion oder Netzhautablösung
  • Stark unter- oder übergewichtige Menschen (Body Mass Index unter 18 bzw. über 45)
  • Menschen, die mal an einer Essstörung gelitten haben

* Quelle: SPIEGEL WISSEN, Ausgabe 1 / 2018, S. 28

Wie erging es mir?

Insgesamt fiel es mir nicht schwer, das Heilfasten durchzuziehen. Die drei Aufbautage halfen mir dabei, mich auf weniger Essen einzustellen. Hunger hatte, wie zuvor geschrieben, nur ganz am Anfang. Mit der Zeit ließ er aber nach und fragte mich immer mehr, wieso wir überhaupt sonst so viel essen.

Körperlich ging es mir den Umständen entsprechend – ich war kraftlos, längere Bewegung strengte mich arg an, ich fühlte mich müder als sonst. Mir war besonders an den ersten Tagen fast die ganze Zeit kalt; erst am vierten Tag fror ich weniger. Ab und zu schmerzte die ein oder andere Körperstelle. Mein Bauch gluckerte durch die fehlende Nahrung, mein Herzschlag war manchmal aus dem Rhythmus, erholte sich aber schnell. Ich konnte mich schlechter konzentrieren. Auf der Straße erschrak ich mehrmals, weil ich fast mit jemandem zusammengestoßen wäre. Nachts konnte ich schlechter schlafen, musste öfter mal auf Toilette.

Viel Zeit zum Lesen, Schreiben und Schlafen. Oder für die Reiseplanung.

Gleichzeitig fühle ich mich aber auch leicht, unbeschwerter. Ich hatte kein Kopfweh, obwohl ich das sonst sehr schnell bekomme. Meine Haut fühlte sich straffer an. Ich habe rund drei Kilogramm abgenommen, an den Beinen und am Bauch habe ich 2 cm Umfang verloren. Allerdings nehmen die meisten nach dem Fasten wieder zu; es geht nicht primär ums Abnehmen dabei.

Mit am krassesten fand ich aber, wie sehr sich mein Geschmacks- und Geruchssinn in dieser Zeit intensiviert haben.

Bei den Smoothies konnte ich schon feinste Nuancen ausmachen, in dem einen war zum Beispiel minimal Ingwer. Und die Gemüsebrühe schmeckte sehr intensiv, Orangensaft war mir fast zu süß (obwohl ich Süßigkeiten sonst wirklich sehr mag). Allerdings bemerkte ich schon nach Kurzem einen komischen Geschmack im Mund von den Säften, mit Zähneputzen war’s dann wieder okay.

Bei Gerüchen war ich wirklich sehr empfindlich. Am ersten Tag ging ich über einen kleinen Markt, vom Fischgeruch ist mir erst mal schlecht geworden. Im Supermarkt war mir das Aftershave eines anderen Kunden zu viel; ich wäre am liebsten wieder gegangen.

Täglich habe ich einen kleinen Spaziergang gemacht, an einem Tag eine kurze Yoga-Session, an zwei Tagen (leichte) Gymnastik. Auf die Bewegung hatte ich nicht immer Lust, aber sie hat mir gut, besonders das Spazieren. Ich gehe allerdings auch sonst viel: Ich versuche, täglich 10.000 Schritte zu schaffen (was im wöchentlichen Durchschnitt auch klappt).

Emotional war es insgesamt eine gute Erfahrung. Ich neige dazu, vieles zu hinterfragen, zu grübeln. In den fünf Tagen gelang es mir, meinen Kopf etwas auszuschalten. Allerdings war meine Stimmung recht unterschiedlich, mal wäre ich am liebsten nur im Bett geblieben, mal war ich hochmotiviert und hätte am liebsten irgendwelche Ausflüge gemacht oder die ganze Wohnung umgestellt.

Am Ende wurde es irgendwas dazwischen. Ich verbrachte viel Zeit zu Hause, lesend oder Serien schauend im Bett. Außerdem schaffte ich es, ein paar Dinge von meiner To-Do-Liste abzuarbeiten. Ich fand wieder Zeit, zu fotografieren. Als ich mich zu schwach fühlte, machte ich einen Mittagsschlaf. Und ich plante ein paar mögliche Kurztrips ab Hamburg (danke an die Tipps, Instagram) und buchte spontan eine kleine Solo-Reise nach Brüssel.

Das erste Mal wieder etwas zu essen, war auch besonders. Zwar war es nur selbst gemachter Apfelkompott, doch der Zimt und die Früchte schmeckten so intensiv, fast schon zu süß.

Fastenmahlzeit: heiße Orange mit Ingwer, fruchtiger Smoothie und Gemüsebrühe

Tipps fürs Heilfasten

  • Unbedingt Aufbautage vor und nach dem Fasten machen. So gewöhnt sich der Körper schneller ans weniger bzw. mehr essen.
  • Vor dem Fasten einkaufen. Auch für die Zeit danach, wenn man noch etwas schwach ist.
  • Sich dicker anziehen, in Decken wickeln, Wärmflaschen machen, um nicht zu sehr zu frieren.
  • Sich Zeit nehmen. Nur so kann man sich wirklich darauf einlassen.
  • Verschiedene Säfte und Tees trinken. So hat man mehr Abwechslung.
  • Es langsam angehen lassen: den Körper nicht überfordern, sich Pausen gönnen.
  • Essen, das zu stark riecht, vor dem Fasten aus der Küche entfernen. Insgesamt intensive Gerüche meiden.

Was habe ich durch das Heilfasten gelernt?

In den vergangenen Tagen lernte ich Pausen zu schätzen – und wie wichtig sie für meinen Körper sind. Es tat gut, sich mal richtig auszuruhen, auf den Körper zu konzentrieren und dessen Bedürfnisse wahrzunehmen und auf sie zu hören. Ich empfand die Zeit wirklich als sehr entschleunigend – einfach, weil ich durch die fehlende Energie gezwungen war, nicht immer zu 110 Prozent zu funktionieren, mich beim Sport mal nicht völlig zu verausgaben.

Würde ich das Ganze noch mal machen?

Natürlch freue ich mich jetzt wieder aufs Essen. Für ein paar Tage kann man das schon durchhalten, aber länger muss nicht sein. Ich würde das Heilfasten auf jeden Fall wiederholen. Mir tat die kleine (körperliche) Auszeit gut, sowohl physisch als auch psychisch. Allerdings würde ich mir dann von vornherein die fünf Fastentage freihalten.

Wie sieht’s bei euch aus: Habt ihr schon mal heilfasten ausprobiert? Und wenn ja, wie ging es euch damit? Wenn nein, warum nicht?

Weiterführende Links zum Thema:

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