INSPIRATION

Sechs Instagrammerinnen für eine bessere Welt

Selfies mit perfekt geschminkten Gesichtern, sportliche Körper, durchgestylte Wohnungen, coole Partys, nice Outfits – Instagram ist meistens eher eine Plattform der Oberflächlichkeiten. Menschen mit Meinungen und Tiefe, die sich für die richtigen und wichtigen Dinge engagieren, die findet man auf Insta hingegen kaum. Zumindest war das bisher so – beziehungsweise in meiner Filterblase war das so.

Doch seit #MeTwo und den rechten Aufmärschen in Chemnitz, dem Versagen der Polizei dort und dem Zustand, dass sich People of Colour nicht mehr nach draußen trauten, ändert sich etwas. Endlich, könnte man jetzt sagen. Dass es erst solche Anlässe dafür braucht, ist allerdings mehr als bedenklich.

Wie dem auch sei, an diesem Wochenende fand ich in den Insta-Storys vermehrt Verlinkungen zu klugen Beiträgen. Zu Nutzern, die etwas zu sagen haben. Die laut sind, die sich für Werte wie Toleranz und Gleichberechtigung einsetzen. Manche kannte ich schon davor, andere habe ich selbst neu entdeckt.

Ein paar Empfehlungen von Accounts, die auf Instagram mehr schaffen, als sich hübsch anzuziehen und ihren Avocado-Toast im richten Licht zu fotografieren*:

1. Sophie Passmann

Sie wird als Politik-Influencerin bezeichnet, arbeitet als Moderatorin für 1Live und manchmal als Autorin für das »Neo Magazin Royal« – und ist gerade einmal 24 Jahre alt. Sie wurde als Poetry Slammerin bekannt.

Sophie Passmann schafft auf Instagram das, was nur wenige können:

Sie erklärt Themen wie die Gewaltenteilung in der Türkei, die Bundestagswahl oder die Affäre um den ehemaligen Nationalspieler Mesut Özil mit einfachen Worten und Alltagsgegenständen – also der Plattform angemessen; so, dass es auch jüngere Nutzer verstehen. Und so, dass diese Themen nicht langweilig wirken, es Spaß macht zuzusehen und sich damit auseinanderzusetzen.

Mehr über Sophie Passmann:

Wer Sophie Passmann nicht kennt, sollte sich die Folge mit ihr im Podcast »Alles gesagt?« von ZEIT ONLINE anhören – dauert allerdings etwas.

2. Alexandra Stanic

Die 26-jährige Alexandra Stanic kommt aus Wien und hat einen bosnischen Migrationshintergrund – so schreibt sie es in einer Insta-Story. Wegen ihres Nachnamens sei sie selbst auch bereits diskriminiert worden.

In ihrem letzten Post beschreibt sie, was sie als Reporterin auf rechten Demonstrationen erlebt hat – wie sie beschimpft und bedroht wurde. Und warum es so wichtig ist, sich an friedlichen Protesten zu beteiligen. Auch wenn man selbst Angst hat.

die bilder in chemnitz bedrücken mich nach tagen gleichermaßen. das lähmende gefühl kenne ich nur zu gut, es begleitet mich schon lange: es gab eine zeit, in der ich auf so ziemlich jeder demo von rechten bewegungen und parteien in wien war, um über sie zu berichten. was ich dort erlebt habe, wird mich für immer prägen. eine gruppe betrunkener männer hat mir hinterhergeschrien, dass sie mich nächstes mal „ erwischen werden“. ein anderer mann hat mich als verdreckte hure beschimpft. ich habe mit menschen gesprochen, die sich rechtsextremen gruppen angeschlossen haben – ihre argumentation verstört mich bis heute. rechte aktivisten mit plakaten, auf denen „ausländer gehören nicht zu wien“ stand, haben mich mit ihren hasserfüllten verschwörungstheorien zugetextet. man hat fotos von mir gemacht, mit dem finger auf mich gezeigt und mich verfolgt: kurz, jede einzelne demo hat unheimlich viel kraft gekostet und mir – so ehrlich muss ich sein – angst gemacht. ich empfinde die politische entwicklung nicht erst seit letzter woche als tragisch und gefährlich. chemnitz war hoffentlich ein weckruf für viele; instagram war noch nie so politisch wie in den letzten tagen und das macht ein wenig mut. ich war im übrigen nicht nur auf rechten demos: ich war auch auf fast jedem friedlichen gegenprotest. obwohl menschenmengen ein beklemmendes gefühl in mir auslösen, bin ich immer bestärkt nach hause gegangen. denn in diesem moment war ich so vielen menschen nahe, die die gleichen oder zumindest ähnliche werte teilen. diese solidarische stimmung hat mich mitunter durch die angsterfüllten nächte getragen. da waren menschen, die sich mit mir gegen den rechtsruck wehren. menschen, die all das genauso wenig möchten wie ich. es ist gut, dass wir social media politisieren, aber das allein reicht nicht. ich weiß, ich wiederhole mich, aber ich werde nicht müde von der wiederholung: zeigt zivilcourage, macht bei familie, freunden, fremden den mund auf und geht auf demos. ihr setzt damit nicht nur ein wichtiges zeichen. ihr braucht dieses gefühl des nicht alleinseins so dringend wie viele andere, die die politische lage zu erdrücken droht.

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In ihren Highlights hat sie eine Story zum Thema Chemnitz gespeichert; darin schildert sie, wieso es so wichtig ist, aktiv und laut zu werden. Darüber hinaus findet man dort Empfehlungen für andere Accounts, die etwas zu sagen haben.

Mehr über Alexandra Stanic:

Alexandra arbeitet als Journalistin, Moderatorin und Fotografin; hier ist eine Geschichte von ihr über somalische Frauen in Wien, die Opfer von Genitalverstümmelung geworden sind.

3. Yasmine M’Barek

Yasmine M’Barek lebt in Köln hat gerade erst Abitur gemacht. Auf Instagram beschreibt sie sich als »chubby #arabic gurl who talks and writes about society. I also believe in god and #women & accepcptance«.

In ihren Storys hat sie sich schon zu #MeTwo, die Özil-Debatte und Chemnitz geäußert. Yasmine teilt viele Tweets und Screenshots von Artikeln zu den Themen, sie interagiert aber auch mit ihren Followern; etwa, indem sie sie fragt, ob die Follower erschrocken seien oder wie sie sich fühlen, und die (anonymen) Antworten wiederum teilt.

Und sie spricht sehr emotional über Identität – und wie schwierig es ist, mit Migrationshintergrund überhaupt ein Zugehörigkeitsgefühl zu entwickeln. Und dass sie sich mal so und mal so fühle, manchmal auch als »Mensch zweiter Klasse«. Sie sagt:

»Ich bin Tunesierin, Muslimin und Deutsche – das ist einfach so für mich.«

4. Stephanie Stefan

Stephanie lebt im schweizerischen Obwalden und wuchs zeitweise in Rumänien bei ihrer Oma auf. Auf ihrem Blog schreibt sie mitunter über Politik, die Studentin ist aber nicht nur im Netz aktiv: Am Samstaglief sie bei der Demonstration »Seebrücke – für sichere Fluchtwege« in Zürich mit, die heute auch in Hamburg stattfindet. Auf Insta hat sie ihre Eindrücke von der Demo geteilt und sich zu ihrem Schild geäußert, das ein Follower kritisch fand.

#wirsindmehr #seebrücke #fcknzs — Diese Demo war so kurz und knackig wie ein gelungener Hashtag. Find ich gut so und hat für mich perfekt gepasst. Ich durfte mit @miriam_suter & @tinyseline unterwegs sein und habe sogar während des Marsches die wundervolle Ivna Zic in der Menge entdeckt — Ivna ist Regisseurin und Autorin und momentan in Wien tätig. Falls ihr dort seid & Theater mögt; haltet Ausschau nach ihr! • Nach dem Marsch gab es einige vegane Köstlichkeiten bei Tibits. Ich muss sagen, dass ich mein Schild da eher verdeckt rum trug, um dem Restaurant keine Probleme zu machen. Bis dann einer der Kellner es sich genauer ansehen wollte und es dann prompt der Belegschaft präsentierte Ich glaub, das ist dann #solidarität. • Weil es auch Kritik am Schild gab, hab ich in meiner Story noch was dazu gesagt. In den Highlights unter „Hummus Politics“ zu finden.

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Besonders sehenswert ist ihre Chemnitz-Story auf Insta, die sie in den Highlights gespeichert hat. Stephanie bezeichnet sie als »Übung in Sachen Empathie«; anhand von Lyrics bekannter Songs (z.B. »Borders« von M.I.A.) erklärt sie die schwierige Situation von Immigranten weltweit und stellt zwischendurch immer wieder Fragen, etwa ob man anderen Privilegien vergönnen dürfe, die man selbst durch Zufall erlangt hat. Oder dass rund 1500 Menschen in diesem Jahr im Mittelmeer ertrunken sind – und fragt, wie viele Facebook-Freunde man hat, »stellt euch vor, ihr kennt alle 1500«. Und später:

»Deine Stimme, wofür steht sie? Für Klamotten, Reisen, Katzenpfötchen und Yoga-Posen?«

5. Esra Ayari

Die 27-jährige Esra Ayari studiert germanistische Linguistik (Master) und ist Leiterin des Onlinemagazins „IslamiQ“.

Auf ihrem Instagram-Profil thematisiert sie Rassismus und Angst, sie fragt ihre Follower, wie sie damit umgehen. Insgesamt entsteht so ein ganz gutes Stimmungsbild, das auf wahrscheinlich viele Menschen in Deutschland gerade zutreffen dürfte – Esras Follower sind nach den Geschehnissen in Chemnitz wütend, traurig, sie fühlen sich ohnmächtig und können nicht schlafen. Esra gibt ihren Followern ein Ventil, etwa, indem sie fragt, was sie Rassisten gern gesagt hätten. Ihre persönlichen Rassismus-Erfahrungen teilt sie in einer weiteren Story.

Esra fordert:

»Oft wird gesagt, ‚redet nicht über uns, sondern mit uns‘. Ich denke aber: Gebt uns Räume, damit wir selbst über uns reden können.«

Mehr über Esra Ayari

Für ZEIT CAMPUS hat Esra aufgeschrieben, wie sie im Ramadan fastet. Hier geht’s zum Text.

anadili Der Post über das ängstliche Sprechen der Muttersprache hat mich wirklich berührt. Es mag auch daran liegen, dass mich Sprache sehr fasziniert. Sprache ist so machtvoll, so komplex und gleichzeitig so intim. Ich fühle mich in der deutschen Sprache sicher. Im Türkischen etwas weniger. Und trotzdem, gewisse Begriffe kann ich nur über das Türkische fassen. Wenn ich „Oma“ höre, denke ich an meine ältere Nachbarin und nicht an meine Oma. Für mich wird sie immer „Nene“ bleiben. Jede Sprache hat ihre eigene Welt und meine Bilingualität erlaubt es mir, mich in mehreren Welten heimisch zu fühlen. Sie erweckt mit bedeutungsgleichen Begriffen komplett unterschiedliche Gefühle in mir. Sie tut so viel und ist so wertvoll, dass die Zeilen hier nicht zur Erklärung ausreichen. Während wir diese einzigartige Möglichkeit zelebrieren sollten, wurde sie aber immer wieder kleingeredet. Sprecht eure Muttersprachen, immer und überall. Sie ist keine Last, sondern eine Bereicherung. Für alle. . . . anadili: Muttersprache Bild: meine wunderschöne „Anne“ und ihre wunderschöne Freundin. Mitte der 90er.

Ein Beitrag geteilt von Esra Ayari (@esrann) am

  • Themen: Rassismus, Islam, Identität und Medien
  • Instagram-Account: esrann (+ 2000k Follower)

6. Rea Mahrous

Rea ist 30 Jahre alt, wohnt in Berlin und arbeitet als Content Manager bei refinery29.com.

Auch Rea hat auf Insta eine Story zu Chemnitz gemacht; darin beschreibt sie, wie sie sich als »Zielscheibe« fühlt und was das alles mit ihr macht. Am Ende ermuntert sie ihre Follower mit den Worten

»Lasst euch niemals einreden, eure Erfahrungen seien nicht valide. Geht vorsichtig mit Sprache um. . . . Achtet aufeinander & steht für einander ein.«

Auf refinery29.com hat Rea auch über die Geschehnisse in Chemnitz geschrieben – darin geht sie auch auf die Macht der Sprache ein und gibt Tipps, worauf man dabei selbst achten sollte.

»Wer nach den Geschehnissen in Chemnitz . . . nicht den Drang verspürt etwas zu tun, zu sagen, etwas zu verändern, hat den Schuss nicht gehört.«

Und sie beschreibt, was Chemnitz mit ihr macht, dass sie eine eigene Anti-Rassimus-Playlist auf Spotify hat.

»Wenn ich andere People of Color sehe, vor allem in den Öffentlichen, suche ich sofort Blickkontakt, ich lächle ihnen zu, signalisiere, dass sie nicht alleine sind – aber eben auch, dass ich nicht alleine sein will.«

Hier geht’s zu dem Artikel.

  • Themen: Rassismus und Sprache
  • Instagram-Account: reamhrs (+1400 Follower)

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Ihr kennt weitere tolle Accounts, die sich mit wichtigen Themen auseinandersetzen? Teilt gerne die Links in den Kommentaren – auch wenn es euer eigener Account ist. Verlinkt, likt, teilt Beiträge von Menschen, die für Gleichberechtigung, Toleranz und Akzeptanz kämpfen. Ihr müsst nicht demonstrieren, wenn ihr euch das nicht zutraut. Aber ihr könnt darüber nachdenken, wofür ihr eure Stimme und euren Insta-Account nutzt.

Hinweis: Es spricht auch gar nichts dagegen, sich ab und zu mal von dieser perfekten Lifestyle-Welt berieseln zu lassen. Aber manchmal, da muss man aus der pinken Blase ausbrechen und sich mit wichtigen Dingen beschäftigen – und sei es nur auf Instagram.

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