SUSTAINABILITY

Modebranche in der Coronakrise: Ein perverses System

Mode ist Luxus. Das war sie schon immer – und sie wird es vermutlich bleiben. Ob neue Kleidung in unserem Schrank hängt, ist nicht essenziell. Ob regelmäßig etwas zu essen auf dem Tisch steht, hingegen schon. Dennoch ist es wichtig, sich gerade jetzt mit dem eigenen Mode-Konsumverhalten auseinanderzusetzen – es könnte sich maßgeblich auf die Zukunft auswirken. (Natürlich sollten wir auch versuchen, Pommes zu retten. Aber das ist eine andere Sache.)

Die Coronakrise offenbart, was schon lange klar ist: Das System, in dem wir leben, ist toxisch. Dass ein T-Shirt teils weniger kostet als ein Coffee-to-go, ist schlicht pervers. Und natürlich hat das Shirt trotzdem seinen Preis – nur wir sehen ihn nicht. Ähnlich wie bei dem eingeschweißten Stück Fleisch im Supermarkt, das kaum erahnen lässt, wie es überhaupt im Kühlregal gelandet ist.

Für Kleidung zum Dumpingpreis bezahlt jemand auf der Welt – und sei es mit der eigenen Gesundheit. Denn die Fast-Fashion-Industrie basiert auf Ausbeutung: Noch immer werden schädliche Chemikalien bei der Textilproduktion eingesetzt. Noch immer schuften Menschen unter fragwürdigen Bedingungen in Textilfabriken.

Als vor mehr als sieben Jahren die Textilfabrik Rana Plaza in Dhaka, Bangladesch, einstürzte, reagierte die Welt schockiert. Mit mehr als 1000 toten Arbeiterinnen und Arbeitern sowie Hunderten weiteren Verletzten war es der (bisher) größte Unfall der Textilindustrie. Westliche Firmen wie El Corte Inglés, Primark, Kik und Mango ließen dort produzieren. Sie versprachen Besserung – höhere Löhne und verbesserte Arbeitsbedingungen für die Textilschaffenden. Inwiefern sie sich daran hielten, lässt sich schwer nachvollziehen.

Obwohl internationale Nichtregierungsorgansationen immer wieder Druck machten für bessere Konditionen in der Textilbranche, verändert sich nur langsam etwas.

  • April 2013: Wenige Tage nach dem Einsturz wird der Besitzer des Fabrikgebäudes, Sohel Rana, festgenommen. Später muss er sich vor Gericht verantworten. Er wird wegen Korruption verurteilt, ein Verfahren wegen Mordes steht noch immer aus.
  • Mai 2013: Ein rechtlich verbindliches Übereinkommen für mehr Gebäude- und Brandschutzsicherheit, „Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh“, wird eingeführt. Die NGO Clean Clothes Campaign (CCC) unterzeichnete das Abkommen als Zeugin. 1600 Fabriken fallen darunter, etwa 750 davon erfüllen mittlerweile die Sicherheitsanforderungen, schreibt die britische Zeitung „Guardian“.
  • Juni 2015: Für Opfer und Angehörige richtet die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO) einen Treuhandfonds ein. Alle 29 Unternehmen, die im Rana Plaza fertigen ließen, sollten etwas beitragen. Mit einer anonymen Spende wurde der Entschädigungsfonds auf die angestrebte Summe von 30 Millionen Dollar im Juni 2015 aufgefüllt. Zweieinhalb Jahre nach dem Unglück erhalten etwa 2800 Opfer und Angehörige eine Entschädigung.
  • Das Sicherheitsübereinkommen lief 2018 aus und wurde nicht verlängert.

Das bedeutet: Das schmutzige System der Modeindustrie bleibt bestehen. Das zeigt sich mitunter an den häufig wechselnden Kollektionen, die Firmen wie H&M und Co. im Schnelldurchlauf auf den Markt werfen. Ganz vorn dabei: das britische Label ASOS, das pro Woche bis zu 4500 neue Teile in die Läden bringt. Die Leidtragenden bleiben die Näherinnen und Näher in den sogenannten Sweatshops. Teilweise arbeiten sie zwölf Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Und das für einen Hungerlohn.

Bisherige Bemühungen, nachhaltig und fair hergestellte Kleidung auszuweisen, etwa mit dem Grünen Knopf der Bundesregierung, zeigen wenig Früchte. Denn das staatliche Textilsiegel ist lediglich eine Orientierungshilfe. Problematisch ist auch, dass eine allgemeine Definition fehlt, was überhaupt „nachhaltig“ oder „fair“ ist. Und es fehlt die Transparenz, wie und wo unsere Kleidung genau hergestellt wird. Die Gründerin der fairen Marke Folkdays, Lisa Jaspers, hat deswegen die Petition #fairbylaw gestartet, an der sich über 170.000 Menschen beteiligt haben. Sie fordert mehr Verantwortung für die Herstellung unserer Kleidung – und ein Lieferkettengesetz, das die Produktion lückenlos nachvollziehbar macht.

Zwar ist faire Mode längst kein Nischenprodukt mehr. Dennoch: Der Anteil an nachhaltigen Unternehmen im Textilbereich ist nach wie vor gering. Während die Bekleidungsindustrie 2019 insgesamt Umsätze von 64,6 Milliarden Euro erwirtschaftete, waren es bei Fairtrade-Textilien gerade einmal 194,18 Millionen Euro. Und das, obwohl viele Menschen offenbar bereit wären, mehr für faire Kleidung zu bezahlen – zumindest sagen sie das in Befragungen, soziale Erwünschtheit spielt dabei natürlich auch eine Rolle.

Die Coronakrise trifft alle – Fast- wie Fair-Fashion-Labels. Schon jetzt steht fest, dass viele kleine Händler die Krise nicht überleben werden. Die Lage spitzt sich für Textilschaffende gerade besonders zu: Zu Beginn der Corona-Pandemie in Europa stornierten Modekonzerne wie C&A oder Primark Aufträge in Milliardenhöhe. Mit gravierenden Folgen: Die Produzenten der Billigmode kämpfen ums Überleben, die Näherinnen und Näher genauso. Deshalb muss sich dringend etwas ändern – am System, an der Politik und an unserem Kaufverhalten.

Kein ewiges Weiterso

Statt Rettungsschirme für die Autoindustrie zu verhandeln, sollten sich die Spitzen aus Politik und Wirtschaft auch Gedanken über die Modeindustrie machen. Und damit auch über mehr Nachhaltigkeit in der Textilbranche. Denn eines ist klar: Ein ewiges Wachstum ist nicht möglich. Unsere Ressourcen sind nicht endlos – und wir brauchen neue Ideen.

Statt Kleidung von billigen Fast-Fashion-Labels zu hamstern, die bei der nächsten Ausmistaktion vielleicht im Altkleidercontainer landen, sollten wir Konsument*innen in wenige, dafür aber qualitativ hochwertige Kleidungsstücke von fairen Firmen investieren – von denen wir lange etwas haben. Auch nach der Coronakrise. Denn was bleibt, ist die Klimakrise.

Nachhaltige Mode muss übrigens nicht teuer sein. Das zeigen Labels wie Armedangels oder mymarini, die gerade faire Mund-Nase-Masken anbieten. Und so mit einem Stück Stoff die Welt verbessern – im doppelten Sinne.

Beitragsbild: pexels.com/Artem Beliaikin

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