WORDS

Was denkt Polen über Europa?

Nach dem Brexit, mit dem wachsenden Rechtsruck und der Bewältigung der Flüchtlingskrise steht das Konzept »Europa« vor einer großen Herausforderung. In Polen habe ich mit ein paar Menschen über die Bedeutung Europas gesprochen – die Haltungen dazu waren sehr unterschiedlich. Einerseits herrschte die Meinung, dass Europa wichtig sei; andererseits traf ich euroskeptische Menschen, die keine Flüchtlinge aufnehmen wollen und nichts von der Politik Merkels halten. Im Endeffekt bin ich nicht wirklich schlauer, aber dafür habe ich auch mit zu wenig Menschen gesprochen. Auf Reisen ist es schwierig, ernste Themen zu recherchieren; die vielen Eindrücke, Sehenswürdigkeiten und Fotospots lenken einen gut ab.

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Irgendwo in Warschau – das ist das Spannende an dieser Stadt, diese krassen Gegensätze.

Hier ein paar Stimmen der Einheimischen zum Thema Europa:

Es ist ein ziemlich warmer Sommertag im Juli. Die Touristen strömen von allen Seiten auf die Straßen Warschaus. In der Altstadt passieren wir hübsche Gebäude; im Zweiten Weltkrieg wurde hier nahezu jedes Gebäude zerstört. Mithilfe von Fotografien und Gemälden gelang es, die Stadt wieder nach dem früheren Erscheinungsbild aufzurichten.

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Eine Häuserfront in der Altstadt. Nahezu die ganze Stadt lag nach dem Zweiten Weltkrieg in Trümmern.

In unserem Wohnviertel in Warschau lernen wir R. kennen; er ist eher links, reist viel, macht Yoga und ist westlich orientiert.

R.
»Polen hat kaum Einwanderer. Die Mehrheit der Bevölkerung ist polnisch – und katholisch. Es gibt wenig Diversität – in den Städten mehr als auf dem Land. Das wird sich vermutlich auch nicht so schnell ändern. Die Regierung beeinflusst die Medien und das, worüber sie berichten. Die Medien sind sehr staatsnah. Ich habe keine Angst vor der Regierung. […] Nach den Anschlägen von Nizza wird sich an der Flüchtlingspolitik kaum etwas ändern. Polen ist für Flüchtlinge nicht so attraktiv wie Deutschland, es ist meist nur Durchgangsland – ähnlich wie Tschechien und Ungarn. Bald stehen wieder Wahlen an – ich bin gespannt, ob sich dann etwas ändern. Von meinen Freunden wählt niemand die Rechten.«

Auf einem großen Platz in Warschau steht ein Klavier, jemand spielt darauf. Hier begegne ich Maria, einer jungen Polin, die gerade in Australien lebt.

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Maria: »Europa spaltet sich immer mehr, das macht mir Angst.«

Maria
»Ich bin wahrscheinlich nicht die beste Person, die du nach Europa fragen kannst. Ich bin Polin, wohne aber seit drei Jahren in Australien. Was ich so in den Zeitungen lese, bringt mich ins Grübeln. Die Situation ist sehr verzwickt. Europa spaltet sich immer mehr in das rechte und das linke Lager. Europa wird immer nationalistischer. Und das macht mir Angst. In Australien ist es hingegen viel friedlicher.«

An der Stadtmauer treffen wir Aneta und Christoph, die hier kleine Kunstwerke an Touristen verkaufen. Zunächst möchten sie gar nicht mit mir reden; sie sind müde von der Sonne, müde vom langen Stehen und den Touristen. Irgendwann verlieren sie dennoch ein paar Sätze über Europa; die meiste Zeit sprechen sie miteinander auf polnisch, ich verstehe kein Wort. Dann doch ein paar Sätze auf englisch.

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Aneta und Christoph vor der Warschauer Stadtmauer. Der europäischen Politik stehen sie kritisch gegenüber.

Aneta
»Das kann ich nicht beurteilen. Wir sind sehr müde, wir können gerade [gemeint ist in der Mittagshitze] nicht mehr denken. Wir fühlen uns in Europa nicht sehr willkommen. Wir werden nicht ausreichend von der Europäischen Union akzeptiert. Wir wollen Frieden auf Erden. […] Es ist sehr kompliziert.«

Christoph
»Ich kann die Einladung von Frau Merkel nicht akzeptieren – wie viele andere Menschen.«

Aneta dolmetscht für ihn: »Er akzeptiert sie nicht. Er bevorzugt unsere Kultur.«

Vor einem kleinen veganen Streetfood-Restaurant in Warschau. Filip und Bernard fragen uns, ob wir PokémonGo spielen; anscheinend ist dieser Trend auch in Polen angekommen. Wir verneinen, kommen aber ins Gespräch. Die beiden sind in unserem Alter. Während sich Bernard eher zurückhält, redet Filip sich immer mehr in Rage.

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Vor dem veganen Streetfood-Restaurant Mango kommen wir mit Filip und Bernard ins Gespräch.

Filip
»Ich bin froh, in Polen zu leben. Warschau gehört momentan zu den besten Städten, in denen man leben kann; es ist günstig, es gibt viele Jobs – und es ist super sicher. Du kennst die Lage in deinem Land, oder in Frankreich. Aber in Polen wäre das unmöglich, hier ist es sicher. […] Hier leben nicht so viele Ausländer. Wenn wir jemanden sehen, der zum Beispiel Muslim ist, dann beobachten wir ihn sehr genau. Und man sollte niemanden unterstützen, der nicht bereit ist, hier zu arbeiten. Das gilt auch für Polen. Sie sollten woanders hingehen, weil es unser Land ist. […] Ich persönlich hasse die Europäische Union, sie beschließt dumme Gesetze, erhöht die Steuern, und ist einfach doof. Ich möchte in Freiheit leben.«

Es fällt schwer, ihm nicht ins Wort zu fallen, ihn nicht noch mal über das Konzept eines Sozialstaats aufzuklären. Die Einladung, abends noch mit ihnen etwas trinken zu gehen, lehnen wir ab.

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Irgendwo auf dem Boden in der Nähe der Kirche, in der Chopins Herz aufbewahrt wird.

Auch wenn ich nur mit relativ wenig Menschen gesprochen habe, war ich überrascht, wie ambivalent die Stimmung in Polen bezüglich Europa ist. Gerne hätte ich noch weitere Meinungen eingefangen – auch, was die Ansichten im Hinblick auf die Beziehung zu Deutschland und Russland angeht.

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Warschau von oben: Blick von der Dachterrasse des Kultur- und Wissenschaftspalasts.

Allerdings vergehen zwölf Tage dann doch schneller, als man denkt. Hinzu kommt, dass wir ja auch Urlaub machen und uns etwas vom Land ansehen wollten. Vielleicht ein ander Mal mehr.

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