SLOW FASHION SUSTAINABILITY

Opfer unserer Kleidung

Vor sechs Jahren stürzte das Fabrikgebäude Rana Plaza ein. Mehr als tausend Menschen starben, Hunderte wurden verletzt. Was hat sich seitdem getan?

Heute jährt sich das Unglück des eingestürzten Fabrikgebäudes Rana Plaza in Bangladesch zum sechsten Mal. Bei dem Unfall in Savar, in der Nähe der Hauptstadt Dhaka, kamen 1135 Menschen ums Leben, mehr als 2400 weitere wurden verletzt. 

Es war einer der schlimmsten Industrieunfälle des Landes – und ein Schock für die gesamte Branche. Danach wurden weltweit Rufe laut nach besseren Arbeits- und Sicherheitsbedingungen in der Textilindustrie entsprechender Länder. 

Was ist damals passiert? 

Ermittlungen zufolge stürzte das Gebäude unter dem Gewicht illegal errichteter Stockwerke und schwerer Maschinen ein. Es hatte nach deutscher Zählart sieben Stockwerke, ein achtes war gerade im Bau. Schon vor dem Einsturz wiesen Fabrikarbeiter das Management auf Risse in den Wänden hin; dennoch sollten sie weiterhin dort arbeiten.

Zahlreiche westliche Firmen hatten im Rana Plaza Kleidung nähen lassen – darunter El Corte Inglés, Primark, Kik, Mango und Benetton. Sie versprachen, nicht nur die Entlohnung, sondern auch die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Inwiefern sie sich darin hielten, lässt sich schwer nachvollziehen.

Fashion Revolution in Berlin (Credit: Emily Sear)

Was hat sich seitdem getan?

Seit Jahren engagieren sich internationale Nichtregierungsorganisationen für bessere Produktionsbedingungen in der Textilindustrie. Durch den öffentlichen Druck nach dem Einsturz des Rana Plazas passierte endlich etwas. 

  • April 2013: Wenige Tage nach dem Einsturz wird der Fabrikbesitzer Sohel Rana festgenommen. Später muss er sich vor Gericht verantworten. Er wird wegen Korruption verurteilt, anhängig ist fünf Jahre später noch immer ein Verfahren wegen Mordes.
  • Mai 2013: Ein rechtlich verbindliches Übereinkommen für mehr Gebäude- und Brandschutzsicherheit, „Accord on Fire and Building Safety in Bangladesh“, wird eingeführt. Die Clean Clothes Campaign (CCC) unterzeichnete das Abkommen als Zeugin. 1600 Fabriken fallen darunter, etwa 750 davon erfüllen mittlerweile die Sicherheitsanforderungen, schreibt der „Guardian“.
  • Juni 2015: Für Opfer und Angehörige richtet die Internationale Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen (ILO) einen Treuhandfonds ein. Alle 29 Unternehmen, die im Rana Plaza fertigen ließen, sollten etwas beitragen. Mit einer anonymen Spende wurde der Entschädigungsfonds auf die angestrebte Summe von 30 Millionen Dollar im Juni 2015 aufgefüllt. Zweieinhalb Jahre nach dem Unglück erhalten etwa 2800 Opfer und Angehörige eine Entschädigung.
  • Das Sicherheitsübereinkommen lief 2018 aus und wurde nicht verlängert.

Wie sieht es heute aus?

Schnelle Mode, darum geht es in der Branche nach wie vor. Zusätzliche Kollektionen pro Jahr erfordern schnellere Produktionen: Große Modeketten schaffen es, in nur wenigen Wochen ihre Mode vom Laufsteg in die Massenproduktion und in die Läden zu bringen. Dafür brauchen sie flexible, billig produzierende Zulieferer. 

Denn das neue T-Shirt soll nicht mehr kosten als ein Cappuccino bei Starbucks, ein Turnschuh nicht mehr als ein Notizbuch, besser weniger. Kaum je zuvor war Kleidung so günstig wie heute. Und so kaufen wir mehr, als wir brauchen. Mehr als wir tragen können. Mode als Wegwerfware. 

Jeder Deutsche kauft jährlich im Schnitt 60 Kleidungsstücke. Ein neues Partytop wird nur 1,7-mal getragen, schätzt Greenpeace. Weltweit werden jährlich 80 Milliarden Kleidungsstücke produziert. Zwei Drittel davon landen auf dem Müll oder werden verbrannt.

Die Leidtragenden sind nach wie vor die Näherinnen in den sogenannten Sweatshops. Teilweise arbeiten sie zwölf Stunden am Tag, an sieben Tagen in der Woche. Und das für einen Hungerlohn.

Fair Fashion Move (Credit: Emily Sear)

Was können wir Konsument*innen tun?

Was, wo und wie oft wir neue Kleidung kaufen, macht durchaus einen Unterschied. Faire Mode hat oft den Ruf, teuer zu sein. Doch das stimmt nicht. Ein paar Tipps für nachhaltigeren Konsum:

Weniger kaufen, dafür besser auswählen: Der Fair-Fashion-Markt wächst. Mittlerweile gibt es immer mehr Labels, die bei der Produktion darauf achten, dass weder Menschen noch die Umwelt darunter leiden.

Gebraucht kaufen: Es muss nicht immer neu sein. Auf Flohmärkten, in Secondhand- und Vintageshops finden sich noch viele gut erhaltene Schätzchen. Und natürlich auch online: bei Kleiderkreisel, Ebay Kleinanzeigen oder in Facebook-Gruppen.

Reparieren oder selbst machen: DIY ist im Trend. Im Internet finden sich zahlreiche Tutorials für Röcke, Shirts und Taschen. Zugegeben, hierfür ist etwas handwerkliches Geschick nötig. In vielen Städten gibt es inzwischen auch Näh- und Strickcafés, in denen man Hilfe bekommt. 

Tauschen statt kaufen: Auf Kleidertauschpartys wechseln ausrangierte Klamotten ihren Besitzer – ohne etwas dafür zu zahlen. Jeder bringt fünf bis zehn Teile mit, die dann getauscht werden können. Greenpeace organisiert die Partys zum Beispiel. Alternativ kann man auch einfach Freunde einladen und mit ihnen tauschen.

Ausleihen: Manchmal brauchen wir ein Outfit nur für einen besonderen Anlass. Anstatt ein neues zu kaufen, kann man auch einfach eines ausleihen – von Freunden, Geschwistern oder Bekannten.

Ausmisten: Zur Fair-Wertung gehört auch, nicht mehr getragene Kleidung regelmäßig auszusortieren und an diejenigen weiterzugeben, die sie noch gebrauchen können. Das können Altkleidercontainer sein, Shops von Hilfsorganisationen wie Oxfam, oder man verkauft die Kleidung selbst auf Ebay, Facebook und Co. 

Umweltfreundlich waschen: Auch das Waschen wirkt sich auf unsere Kleidung aus: Problematisch ist, dass sich die Kleidung durch zu häufiges Waschen schnell abnutzt. Waschmaschinen sollten ausreichend gefüllt werden, und man sollte ein umweltschonendes Waschmittel verwenden

Sich engagieren: Während der Fashion Revolution Week – die durch das Unglück von Rana Plaza entstanden ist – finden zahlreiche Veranstaltungen wie Podiumsdiskussionen, Workshops und Demonstrationen statt. Ziel ist es, für bessere Arbeitsbedingungen in der Modebranche zu sorgen. Dazu gehört beispielsweise, die großen Modeketten nach mehr Transparenz zu bieten – indem man sie direkt anschreibt oder verlinkt und fragt: »Who made my clothes?«

Einen Überblick über die ganzen Veranstaltungen in dieser Woche findet ihr hier.

Außerdem könnt ihr die Petition »Fair by Law« unterzeichnen, die darauf abzielt, dass deutsche Unternehmen für ihre Lieferketten verantwortlich gemacht werden sollen. Hier kommt ihr zur Petition.

Woran erkennt man nachhaltige Mode?

Es gibt eine Vielzahl an Zertifikaten und Siegeln, die fair produzierte Kleidung kennzeichnen. Allerdings beziehen sie sich oft nur auf einzelne Faktoren der Herstellungskette wie etwa die Arbeitsbedingungen oder den Einsatz von Chemikalien.

Als vertrauenswürdig gelten diese Siegel:

  • bluesign,
  • Cradle to Cradle,
  • Der blaue Engel,
  • EU-Ecolabel,
  • Fairtrade Certified Cotton von Transfer,
  • Fair Wear Foundation,
  • GOTS,
  • IVN Best,
  • Made in Green,
  • Öko-Tex Standard 100.


Dieser Text erschien zuerst am 24. April 2018 auf SPIEGEL DAILY, der smarten Online-Abendzeitung. Ich habe die Zahlen angepasst und den Text noch einmal editiert.


Beitragsbild: Becky Smouha

You Might Also Like

No Comments

Leave a Reply