WORDS

Southside 2016: Es ist kompliziert

Das Southside und ich, wir führen eine komplizierte Beziehung*. Von Anfang war es nicht leicht: Vier Mal dort gewesen, vier Mal Starkregen und Matsch. Nach 2011 dachte ich ja, dass es nicht schlimmer werden kann. Ich sollte mich irren.

Eigentlich schien alles perfekt: Der Sommer war endlich zurück, wir hatten schön eingekauft und die perfekte Ausrüstung am Start. Den ganzen Donnerstag und Freitag Sonne und kaum ein Wölkchen war am Himmel zu sehen, unsere Zeltnachbarn waren nett und nach anfänglichen Aufbauproblemen stand auch irgendwann unser Zelt. Und die zwei Zelte von den Jungs, die mit uns campen sollten.

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Am Donnerstag machten wir es uns abends mit Radler und Vesper gemütlich – nach den Strapazen der Anfahrt (Packen à la Tetris, eingepfercht zwischen Bierdosen und Rucksäcken sowie zwei Stunden Stau in der prallen Sonne), des Zeltaufbaus (drei Zelte, alle noch nie selbst aufgebaut, yay, Chaos) und des Geschleppes zwischen Parkplatz und Campinggelände. Dabei stellten wir schon mal den perfekten Plan auf, welche Band wir wann anschauen wollten und wann wir von welcher Bühne zur anderen wollten; alles nett – in der Theorie.

In der Praxis sah es dann ganz anders aus.

Den Freitag ließen wir ganz gechillt angehen; bereits um 8-9 Uhr in der Früh war es verdammt heiß, sodass man’s nicht wirklich lange im Zelt aushielt. Irgendwann suchten wir dann Asyl unter einem benachbarten Pavillon – und lernten später beim Grillen deren Besitzer kennen; alles sehr harmonisch, es hätte eine verdammt gute Zeit werden können.

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Auf dem Festivalgelände mit den Mädels

Irgendwann am frühen Nachmittag machten wir uns auf zum Festivalgelände. In der kurzen Zeit, die wir dort verbrachten, konnten wir immerhin Ryan Bingham (coole Countrymusik – wer hätte gedacht, dass das überhaupt möglich ist?), Balthazar (yay, aber wie in der Sauna in diesem Zelt), Hiatus Kaiyote (sehr cool) und Tom Odell (leider nur kurz, weil’s dann zu regnen angefangen hat) anschauen.

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Dann ging kurz mal die Welt unter, es schüttete krass und wir beschlossen, erst mal eine Pause zu machen, zum Zelt zurückzugehen und etwas zu essen – im Nachhinein betrachtet die richtige Entscheidung. Der Regen wollte erst mal nicht aufhören und irgendwann hieß es dann von den Securitys, dass wir in unsere Autos sollen und dass das Gelände evakuiert werden soll – wait, what?!

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Unser Zelt im Regen

Anfangs dachten wir, die reagieren komplett über – wegen Rock am Ring und weil sie einfach lieber einmal zu viel vorsichtig sein wollten. Der Himmel sah dann, als wir bereits im Auto mit dem Nötigsten saßen, wieder ganz blau aus; die meisten Leute standen neben ihren Autos, tanzten, tranken Bier und fühlten sich irgendwie verarscht.

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Doch die Veranstalter sollten recht behalten: Gegen 22 Uhr verdunkelte sich der Himmel wieder und das Unwetter ging erst richtig los. Starkregen wechselte sich mit Hagelschauern ab, es donnerte und blitzte ohne Ende. Ein Blitz schlug sogar direkt in den Schotterweg neben unserem Auto ein – creepy.

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Hurra, die Welt geht unter. Ja, K.I.Z. wären auch aufgetreten.

Insgesamt saßen wir dann wie die meisten Festivalbesucher etwas mehr als vier Stunden im Auto fest. Leider vollkommen abgeschnitten von der Welt, das Netz war ausgelastet, man kam nicht ins mobile Internet und zudem war das Festivalradio auch recht bald down; wie sich später herausstellte, schlug dort ebenfalls der Blitz ein. Die letzte Nachricht, die wir noch mitbekommen hatten, war lediglich, dass der Festivalbetrieb an diesem Abend nicht weiter laufen wird – was angesichts des Wetters die einzig logische Konsequenz war.

Eigentlich mag ich Gewitter. Doch diese Naturgewalt war echt heftig. Irgendwie fühlte man sich dem Wetter komplett ausgeliefert; es war bis dahin unklar, wie und ob das Festival weitergeführt werden konnte. Unklar war auch, wie unser Zelt dem Sturm standgehalten hatte und ob wir unsere Sachen je wiedersehen würde. Das klingt jetzt alles verdammt dramatisch – aber es ist etwas anderes, ein Gewitter daheim gemütlich im Bett eingekuschelt zu verfolgen oder quasi live drunter zu sein. Teilweise hagelte es so stark, dass man sein eigenes Wort im Auto kaum mehr verstand, es blitzte im Minutentakt.

Als wir uns bei ein paar Leuten, die neben uns geparkt hatten, erkundigen wollten, ob sie etwas Neues wüssten, sagte einer nur: »Ich bin 27 Jahre alt, und so etwas habe ich mein ganzes Leben noch nie erlebt.« – Das hatten wir vermutlich alle noch nie.

Laut Veranstaltern soll es die schlimmste Unwetterwarnung gewesen sein, die es jemals beim Southside gegeben hat; der Bürgermeister von Neuhausen ob Eck, Hans-Jürgen Osswald, sagte dazu: »Das war nach meinem Kenntnisstand das bisher schwerste Unwetter in der Gemeinde Neuhausen ob Eck.«

Und wir waren live dabei – na prima. Kategorie »Erfahrungen, auf die ich gerne verzichtet hätte«.

Die Fakten: 25 Personen wurden leichtverletzt und ins Klinikum Tuttlingen eingeliefert, heißt es auf der Festival-Homepage. Fünf Besucher mussten weiter stationär behandelt werden; 57 Leichtverletzte wurden auf dem Gelände behandelt, eine Weiterbehandlung sei nicht notwendig. Circa 3000 Besucher mussten die Nacht in Turnhallen übernachten.

Wie eingangs geschrieben, dachte ich ja nicht, dass 2011 noch etwas hätte toppen können. Ich sollte eines Besseren belehrt werden.

Circa um zwei konnten wir wieder auf den Zeltplatz – oder besser gesagt zu dem, was davon übrig geblieben war. Der Weg hatte sich inzwischen in eine Matschlaufbahn verwandelt, überall lagen Zelte auf dem Rücken, Müll und das Hab und Gut, das die Besucher zurückgelassen hatten. Nur wenige Pavillons hatten den Sturm überlebt, bei den Zelten sah die Bilanz ähnlich schlecht aus. Es war übel.

Auf dem Weg zu unserem Zelt fragte ich mich, ob es dem Regen standgehalten hatte. Wir bahnten uns durch kaputte Campingtische, leere Dosen und Zeltteile. Die Gummistiefel schmatzten beim Gehen und sogen sich am Boden fest, wenn man mal länger auf einer Stelle stand. Letztendlich hatten wir großes Glück: Unser Zelt war nicht kaputt; fast schon ein Wunder. Allerdings waren die eine Zelthälfte sowie der Schlafsack, die Isomatte usw. darin vollkommen durchnässt.

Was also tun?

Auf dem Gelände campen kam nicht wirklich infrage. Der Himmel sah immer noch bedrohlich schwarz aus, die eine Zelthälfte war wie gesagt nicht mehr nutzbar und auch sonst wirkte der Zeltplatz nicht gerade einladend. Im Auto wäre es mit unserem ganzen Zeug ziemlich eng geworden; also packten wir zusammen, bauten das Zelt ab, räumten etwas auf und fuhren heim. Zum Glück wohnt meine Mum in der Gegend, mit dem Auto sind es in etwa 20 Minuten. Darüber war ich sehr froh, denn zu gehen stellte sich als die richtige Entscheidung heraus. Am nächsten Morgen stand schließlich fest: Das Festival wird komplett abgebrochen.

Anfangs war ich ziemlich enttäuscht über diese Nachricht – die ganze Vorbereitung umsonst, die ganzen Bands, die wir nicht sehen würden. Aber wenn man ehrlich ist, weiß man, dass die Veranstalter alles richtig gemacht haben.

Das Campinggelände war in der Zwischenzeit alles andere als wohnlich und selbst wenn man das Festivalgelände noch einmal instand gebracht hätte – wo hätten die 60.000 Besucher wohnen sollen? Die meisten Zelte waren dahin. Die Wiesen glichen einem einzigen Matschfeld. Und für den Tag waren erneut Unwetter vorhergesagt – wieder mit Starkregen, wieder mit Hagel.

Dennoch ist es natürlich sehr schade. Schade um die vielen guten Bands (The Wombats! Deichkind! The Prodigy! Annenmaykantereit! Two Door Cinema Club! Mumford & Sons! The Subways! BOY! Frank Turner! und so viele mehr…), schade um das Festivalfeeling, schade um unsere neuen Bekanntschaften, schade um unsere tollen Tierkostüme, die ich davor extra noch besorgt habe, schade um den »Knutsch-Samstag«, wie sie im Radio so schön sagten. Immerhin hatten wir einen schönen Donnerstag und der Freitag war bis zur Evakuierung ziemlich perfekt.

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Das Gelände am nächsten Tag

Nach einer kurzen Nacht kehrten wir noch einmal an den Ort des Geschehens zurück, um unsere letzten Habseligkeiten abzuholen. Als ich das Gelände sah, verstand ich die Veranstalter noch mehr, warum sie das Festival frühzeitig beenden mussten. Das Campingareal glich einem Schlachtfeld: Pavillons lagen zertrümmert am Boden, hier und da lagen Stühle oder Tische, die meisten Zelte sahen sperrmüllbereit aus. Ein Festivalbesucher, der uns entgegenfuhr, hatte auf der rechten Gesichtshälfte große Schürfwunden; ein Baum lag komplett entwurzelt am Boden.

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Dennoch ist es schade.

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Matsch fun.

Allmählich denke ich auch, dass das mit dem Southside und mir nichts mehr wird. Die Statistik sieht nicht gut aus – vier Festivals, vier Mal (Dauer-)Regen.

Hinzu kommen ein paar Vorfälle, auf die ich ebenfalls lieber verzichtet hätte:

  • 2009: Zwei krasse Stiche an den Knien, links und rechts, allergische Reaktion, kaum mehr laufen können – Sanitätszelt. Mit etwas Kortison und Verbänden um die Beine ging’s dann zwar – schön ist aber etwas anderes.
  • 2010: Beklaut worden. Und zwar nicht einfach irgendwie, sondern beim Schlafen, die Tasche lag genau neben meinem Kopf. Danach hab ich mich nicht mehr wirklich sicher gefühlt. Glück im Unglück: Meinen Perso und meine ganzen Karten haben sie nicht mitgenommen, meinen Mp3-Player (ja, damals noch in), fand ich im Regen im Vorzelt.
  • 2011: Von Anfang an beschlossen, daheim zu schlafen, weil heftige Regenschauer und Hagel angekündigt waren. Richtig krasser Regen bei den Foo Fighters, nach ein paar Liedern mussten wir gehen, weil wir nur noch vor Kälte gezittert haben und komplett durchgenässt waren. Alles nicht geil.
  • 2016: Das Festival wird am ersten richtigen Tag evakuiert, am zweiten Tag komplett gecancelt. Leichter Sonnenstich.

Vielleicht sollte ich es einfach lassen. Oder das nächste Mal zum Hurricane fahren – ist sowieso viel näher.**

Was waren eure schlimmsten Festival-Erlebnisse?

*Versteht mich nicht falsch: Ich liebe Festivals – die ganze Atmosphäre, glückliche Menschen, die tanzen, als gäbs kein Morgen mehr, neue und bekannte Bands live sehen, mit Seifenblasen andere glücklich machen, wenn zwischen den Wolken auf einmal die Sonne durchscheint und alle ausrasten, mal eine zeitlang offline sein und einfach im Hier und Jetzt leben und feiern. 

**Allerdings sieht es beim Hurricane auch nicht besser aus in diesem Jahr – auch hier Starkregen, zeitweise Evakuierung. Eventuell sollte ich nur noch im Ausland auf Festivals gehen. In der Nähe von Lissabon soll es ein gutes geben.

Mehr über das Festival lest ihr hier, in einem Bericht von meiner Schwester und ihrer Arbeitskollegin Hanna, die mit mir auf dem Festival waren.

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6 Comments

  • Reply
    Charlotte
    Juni 26, 2016 at 10:45 pm

    Ohje, das sieht echt übel aus. Aber gut, dass die Veranstalter abgesagt haben, auch wenn es schade und ärgerlich ist. Ich hatte das bisher auf einem Festival in Österreich, da gab es auch einen kleinen Weltuntergang und wir konnten uns die Band, wegen der ich vorrangig hinwollte nicht mal fertig anhören, weil es so geschüttet hat. Bei Unwetter und strömendem Regen sind die meisten Zelte ja doch nicht so geeignet…
    Trotzdem sind Festivals immer wieder ein Erlebnis, auch wenn man auf solche Geschichten gut verzichten kann…

    • Reply
      copycat
      Juni 27, 2016 at 12:45 pm

      Ja, das ist doof, wenn man dann die ganzen Bands nicht hören kann – wir haben ja leider nur 3-4 am Anfang gesehen, aber auch keine Headliner oder so. Und ja, die Camping-Ausstattung ist leider alles andere als sturmtauglich – immerhin stand unser Zelt noch :D

      Aber natürlich würde ich auch weiter auf Festivals gehen – ist sonst ja einfach super cool, man sieht so viele tolle Bands, trifft so viele nette Leute. :) vielleicht ja nächstes Jahr wieder.

  • Reply
    Elisa Zunder
    Juni 26, 2016 at 1:39 pm

    Ach herrje über Snapchat habe ich schon bei einigen gesehen, dass das ganze Gelände total abgesoffen ist. Da haben die ganzen Festivals im Moment echt Pech. Auch beim Hurricane ist Land unter.

    Liebste Grüße, Elisa von http://www.elisazunder.de

    • Reply
      copycat
      Juni 27, 2016 at 12:43 pm

      Ja, irgendwie steht die Festivalsaison dieses Jahr unter keinem guten Stern. Nachdem die Bühnen beim Southside und die Sanitätszelte auch zu Schaden kamen, war es aber eindeutig die beste Lösung.

      Liebe Grüße zurück!

  • Reply
    Allison
    Juni 26, 2016 at 12:29 am

    Meine Festival Erfahrungen sehen nicht besser aus, haha!
    Letztes Jahr Rock im Park (mein erstes Festival): extreme Hitze, man konnte kaum 2min in der Sonne stehen ohne das Gefühl zu haben zusammen zuklappen (täglich ca +5L getrunken) da wurde auch evakuiert, lief aber ganz gut ab, waren innerhalb von 10min im Stadion in Nürnberg! Aber gestürmt hat es da nicht und am nächsten Tag war es wieder brütend heiß. Trotzdem war es sau geil!
    Southside 2016 (mein zweites Festival): wie das Wetter war weißt du ja. Konnten leider in keinen Shuttelbus kommen, Auto haben wir nicht mehr gefunden, wurden zum Glück von einer mit nach Wurmlingen genommen zu einem Kumpel! Dort wurden wir dann abgeholt. Gummistiefel waren bis zum Knöchel voll mit Wasser:D
    Heute den Rest abgeholt, Zelt stand zum Glück noch und alles war noch da! Ist zwar sehr, sehr schade drum… Aber sicherheit geht vor!
    Fazit: wir ziehen bei Festivals 2 Sachen an! Extremes Wetter und Evakuierungen! :D

    • Reply
      copycat
      Juni 27, 2016 at 12:42 pm

      Oh no, du Arme! Klingt jetzt auch nicht gerade toll. Aber du hast Recht: Sicherheit geht auf jeden Fall vor! Ich hoffe, ihr seid noch gut heimgekommen :) Immerhin gab es diese Shuttlebusse, das war ja auch schon mal gut.

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