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Das Stasi-Gefängnis in Berlin

Der Himmel über Berlin ist grau. Hohe Steinmauern und ein Maschendrahtzaun umgeben das Gelände. Es ist ein Donnerstagvormittag im März und auf dem Revers meines Mantels klebt ein runder, grüner Sticker. »Gedenkstätte Hohenschönhausen« ist in weißen Lettern darauf zu lesen. Der Aufkleber ist meine Eintrittskarte für die Führung durch das ehemalige Stasi-Gefängnis im Nordosten Berlins. Zunächst heißt es warten. Warten auf die volle Stunde und dass es losgeht. Warten gehört wirklich nicht zu meinen Stärken, aber irgendwie vergeht die Zeit dann doch.

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In  einem karg eingerichteten Raum – er besteht eigentlich nur aus den Leinwänden und Stühlen – bekommen wir erst mal einen kurzen Rundumblick über die Geschichte der heutigen Gedenkstätte gezeigt. Ich weiß nicht so recht, wie ich auf den Film reagieren soll, wie ich mich danach fühle. Bedrückt und wütend zugleich, so lässt es sich vielleicht beschreiben. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass mir das alles so nahe geht.

Niemand, den ich persönlich kenne, war je im Gefängnis. Niemand wurde verhaftet, niemand von seinen engsten Freunden, seiner Familie oder seinem Partner verleumdet. Ich kann mir nicht vorstellen, was das für ein Gefühl sein mag. Und eigentlich will ich es auch nicht.

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Wir neigen dazu, uns nur mit schönen Dingen zu befassen. Negatives blenden wir aus, dafür ist kein Platz im Leben. Schließlich ist das Leben kurz, du lebst nur einmal und so weiter. Manchmal aber, da muss man sich auch den »bösen« Dingen stellen. Der Hausarbeit. Der Steuererklärung. Oder eben der Vergangenheit. Letzteres steht heute auf meinem Plan.

Ich möchte ein Stück deutsche Geschichte kennenlernen, über das ich nicht im geringsten eine Ahnung hatte. Und das nicht, weil ich im Geschichtsunterricht nicht aufgepasst habe; sondern einfach, weil es so nicht gelehrt wird. In der Schule bringen sie dir nichts bei über die Ungerechtigkeiten der Welt. Über die Menschen, die unschuldig hinter Gitter saßen. Die die Geburt ihres Sohnes verpasst haben, weil sie für eine Bagatelle verhaftet wurden. Die die Sonne Ewigkeiten nicht zu sehen bekamen. Es ist unvollstellbar und beklemmend zugleich. Die Welt ist manchmal ein ziemlich ungerechter Ort.

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Kaum vorstellbar, dass Herr Breitbart – so heißt unser Führer – einmal schulterlanges Haar hatte. Heute ist sein Haar jedenfalls kurz und grau. Gerade einmal 23 war er, als er hierher kam. Warum er verhaftet wurde? Das ist aus heutiger Sicht schwer nachvollzuziehen. Er setzte sich gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann ein, klebte Protestplakate an die Wände und wurde von einem seiner besten Freunden verraten. Als er nach Hohen Schönhausen kam, war seine Frau bereits im achten Monat schwanger; Herr B. verpasste nicht nur die Geburt seines Erstgeborenen, sondern auch die ersten Schritte.

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Im ersten Raum, den wir gezeigt bekommen, stehen eigentlich nur zwei Stühle und zwei Schreibtische; auf einem der Tische ein altes Scheibentelefon und ein Apparat mit grünen Knöpfen. Es erinnert an eine alte Filmkulisse. An der Tapete mit Blumenornamenten geht der Putz ab. Manchmal sind wirre Nummern an den Wänden zu lesen, »126« heißt es mal. Was sie zu bedeuten haben, weiß heutzutage wahrscheinlich kaum jemand mehr.

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Als Nächstes geht es in die Kellergefängnisse; hier möchte man definitiv nicht von der Gruppe vergessen werden. Die Zellen sind oft nur mit einer Holzbritsche und einem Eimer für die Notdurft ausgestattet. Erst später bekamen die Insassen Matratzen und Bettwäsche. Die Wände sind aus grauem Beton, der Boden und die Decke ebenfalls. Es wirkt alles sehr trist, beklemmend. Noch beklemmender sind nur die Geschichten, die uns Herr B. erzählt.

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Im neueren Gefängnistrakt ist auch seine ehemalige Zelle, Nummer 103. Außerdem zeigt uns Herr B. eine Gummizelle und ein Fahrzeug, mit dem die Häftlinge ins Gefängnis gebracht entführt wurden. Je mehr er erzählt, desto mehr fühle ich mich wie in einem Kafka-Roman. »Jemand musste Herrn B. verleumdet haben«, schwirrt es durch meinen Kopf.

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Allzu viel mehr möchte ich an dieser Stelle nicht schreiben.

Mir wurde die Führung von drei verschiedenen Personen empfohlen und ich kann mich nur anschließen: Geht hin! Authentischer kann man Geschichte nicht erleben. Und auch wenn ich teilweise sehr wütend war und auch wenn es bedrückend war – es lohnt sich. Denn nur so kann man die Vergangenheit besser verstehen. Wenn ihr Glück habt, werdet ihr von einem ehemaligen Inhaftierten – so wie ich! – rumgeführt. 

Gedenkstätte Hohen Schönhausen
Führung: täglich 10 bis 16 Uhr zur vollen Stunde (März-Oktober)*
Preis: normal 6 Euro, ermäßigt 3 Euro, Schüler 1 Euro

Seid ihr schon mal im Stasi-Gefängnis gewesen? Wie empfandet ihr es? Und wo kann man in Deutschland noch mehr Geschichte so erleben?

 

*Es gibt auch englische Führungen. Die genauen Zeiten findet ihr auf der Homepage, die ich oben verlinkt habe.

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