WORDS

#We Remember

Der Himmel ist bedeckt, nur ab und zu blitzt die Sonne durch die Wolkendecke hervor. Die Fahnen vor dem Hamburger Rathaus wehen auf Halbmast im schwachen Wind, denn:

Der 27. Januar ist der Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialmus.

»Auch mehr als 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz stellen wir uns fortwährend der Aufgabe, an die NS-Vergangenheit unserer Heimatstadt zu erinnern. Wir müssen das Erkannte und Gelernte verstehen und dürfen nie vergessen, wozu diese Stadt und dieses Land einmal fähig waren«, schreibt Carola Veit, Präsidentin der Hamburger Burschenschaft im Vorwort zum Programm der Veranstaltungen zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

Flyer zum Programm

Iris von der KZ Gedenkstätte Neuengamme und Wera von den Historischen Museen Hamburgs führen uns deshalb an diesem Samstag an sechs Stationen rund um die Alster.

Wir, das sind rund 20 Instagrammer und Twitternutzer, im Alter von Anfang 20 bis 50 plus, fotoaffin und geschichtsinteressiert.

Noch mal kurz twittern, bevor’s losgeht

Station 1: Rathaus

Der Insta- bzw. Social Walk beginnt im Hamburger Rathaus.

Es fühlt sich ein bisschen an wie ein Klassenausflug, wir bekommen Namensaufkleber – allerdings mit unseren Accout- und nicht mit unseren Klarnamen –, und einen Lageplan, damit wir die Gruppe wieder finden, »falls wir verloren gehen«.

Nur, dass wir bei diesem Ausflug fotografieren, twittern und snappen dürfen, ja eigentlich sogar sollen. Denn neben dem Lageplan und Namensschildchen hat jeder auch eine Liste mit den Hashtags gekriegt: #rundumdiealster, #neuengamme und #histmuseenhh.

Rathausdiele

Das Plätschern eines Brunnens vermischt sich mit Stimmengewirr, als wir die Rathausdiele betreten – außer uns sind noch einige Besucher mehr da, die sich die Ausstellung anschauen.

Iris gibt uns eine kurze Einführung ins Thema: Sie erklärt uns, dass 1941 die Binnenalster eine Tarnabdeckung bekam und die Lombardsbrücke über der Außenalster nachgebaut und gefakt wurde, um sich vor feindlichen Luftangriffen zu schützen. Bei einem Gasangriff 1943 ist die Tarnung schließlich abgebrannt. Sie zeigt uns auf den Texttafeln der Ausstellung relevante Orte und erzählt dazu immer kurz etwas.

Überblick zur Ausstellung: Rund um die Alster – Hamburger Geschichte im Nationalsozialismus

Ehrlich gesagt, geht es mir etwas zu schnell: Ich will natürlich zuhören, mir aber auch Notizen machen, fotografieren, twittern und etwas in meine Insta-Story laden. Multitasking at its best.

Normalerweise nehme ich mir für Ausstellungen viel Zeit, versuche, möglichst alle Texte zu lesen, Bilder auf mich wirken zu lassen und mache Notizen, wenn ich etwas später noch einmal genauer nachsehen möchte. Das funktioniert hier nicht, ich muss mich erst darauf einlassen.

Wir haben zehn Minuten Zeit, um uns einen kurzen Überblick zu verschaffen. Ich schaffe ein paar der Tafeln, nehme mir dann aber vor, die Ausstellung später noch einmal in Ruhe anzusehen und fotografiere stattdessen.

Ausstellung:
»Rund um die Alster. Hamburger Geschichte im Nationalsozialismus«
Hamburger Rathaus, Rathausdiele
Donnerstag, 18. Januar – Sonntag, 11. Februar 2018
Mo bis Fr: 7–19 Uhr
Sa: 10–18 Uhr
So: 10–17 Uhr
Der Eintritt ist frei

In der Ausstellung

Um 11.30 Uhr versammeln wir uns vor dem Rathaus, der Himmel ist inzwischen zumindest teilweise blau.

Auf dem Weg zur zweiten Station

Wir gehen entlang der Binnenalster, erst Richtung Gänsemarkt, passieren dann die Einkaufshalle des Hamburger Hofs vorbei an überteuerten Schuhläden und Interiorshops mit Decken, die so viel kosten wie zehn Kinobesuche, und erreichen die nächste Station:

Jungfernstieg 50, das Haus, in dem sich der Widerstand der Weißen Rose formierte.

Jungfernstieg 50

Station 2: Widerstand der Weißen Rose

Die Hausnummer 50 ist einfach zu übersehen, wenn man nicht darauf achtet.

Hier, in der ehemaligen Buchhandlung des Rauhen Hauses am Jungfernstieg, trafen sich Intellektuelle, Schauspieler, Studenten und Künstler. Sie unterhielten sich über verbotene Kunst, Literatur und Musik. Und bildeten den Hamburger Ableger der Weißen Rose, des Widerstands gegen den Nationalsozialismus.

Jungfernstieg 50

Eine zentrale Rolle spielte dabei Reinhard Meyer, er studierte Philosophie und Germanistik und war Buchhändler und Juniorchef der Agentur des Rauhen Hauses. Die Gestapo verhaftete ihn und rund 30 andere Mitglieder der Weißen Rose am 19. Dezember 1943. Sie starben durch Hinrichtungen oder unmenschliche Haftbedingungen.

Ein schwarzes Schild an der rechten Seite des Hauses erinnert an die Widerstandskämpfer der Weißen Rose.

Schild am Jungfernstieg 50

Station 3: Hotel Vier Jahreszeiten

Das Hotel Vier Jahreszeiten ist heute eines der Luxushäuser in Hamburg.

Hotel Vier Jahreszeiten – ohne Halbmast

Früher, in der Reichskristallnacht am 9. November 1933, galt es als »neutrales Gebiet«. Zumindest, wenn man den Worten der vom Hotel beschriebenen Geschichte Glauben schenkt. Angeblich sollen Juden auch weiter dort beschäftigt und beherbergt worden sein; später »setzte die Gestapo dieser Praxis ein Ende«.

Allerdings muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass der Gründer des Hotels, Fritz Haerlin, 1937 Mitglied der NSDAP wurde. Er war außerdem SS-Obersturmführer und seit 1933 bei der Reiter-SS.

Hinzu kommt, dass der dortige Nachtportier Harald Seligman entlassen wurde, weil er Jude war. Er kam 1941 ins KZ Neuengamme und wurde 1942 in Bernburg vergast.*

Heute, am Holocaust Remembrance Day, will man uns jedenfalls nicht reinlassen und durch das Haus führen. Auch ein Zeichen.

Hotel Vier Jahreszeiten: früher und heute

Binnenalster

Stolperstein

Die Gruppe auf dem Weg zur nächsten Station, dem Alsterhaus

Station 4: Alsterhaus

Unsere nächste Station ist das Alsterhaus am Jungfernstieg. Eröffnet wurde es bereits 1897 von Oscar Tietz; anfangs hieß es noch »Warenhaus Hermann Tietz« (andere Geschäfte von ihm waren als »Hertie« bekannt), erst später wurde es in Alsterhaus umbenannt.

Alsterhaus: früher und heute

Im Jahr 1933 wurden landesweit Geschäfte von Juden boykottiert, so forderte es das 25-Punkte-Programm der NSDAP. Tietz‘ Warenhaus war davon auch betroffen, zig »nicht-arische« Mitarbeiter wurden entlassen. Die Familie Tietz wurde schließlich enteignet. Einer der neuen Geschäftsführer war Georg Karg; er entschädigte die Tietz-Erben später zum Teil, behielt aber sämtliche Hertie-Filialen.

Das Bild, das mich mit am nachdenklichsten gemacht hat.

Alsterhaus

Jungfernstieg

Station 5: Hapag Lloyd

Am Hapag Lloyd-Gebäude kommt man ständig vorbei, wenn man an der Binnenalster ist. Nur wenige kennen das Haus am Ballindamm aber von innen – wir haben an diesem Tag das Glück und bekommen eine kurze Führung durch das Haus.

In der NS-Zeit war im Gebäude ein Kriegsgericht.

Hapag Lloyd

Wir erfahren hier außerdem von Iris etwas über die Irrfahrt der St. Louis: einem Passagierschiff der Hapag, auf dem fast nur Juden waren. Sie suchten im Mai/Juni 1939 Asyl auf Kuba und in den USA – beide Länder gewährten ihnen das aber nicht, sodass sie nach Europa, genauer gesagt nach Antwerpen, zurückmussten. Sie wurden auf die Beneluxstaaten verteilt – mit fatalen Folgen, denn wenig später marschierte die Wehrmacht dort ein. Angeblich starben 254 der 937 Passagiere im Holocaust (Quelle).

Früher wurden hier Tickets nach Nordamerika verkauft

Unten ist die Kantine von Hapag Lloyd – not that bad

Geschichte in Schiffen: heute hat Hapag Lloyd fast nur noch Containerschiffe

Station 6: Alsterpavillon

Um kurz nach 13 Uhr, nach etwas mehr als zwei Stunden, gelangen wir zur letzten Station, dem Alsterpavillon. In der NS-Zeit fanden hier oft Swing-Konzerte statt; hier traf sich die Jugend zum Tanzen. Dabei war Swing bei den Nazis verpöhnt.

Alsterpavillon früher

#diesejungenleute früher hatten auch Probleme – weil sie Swing hörten, die Männer langes Haar trugen und rauchten

Bei einem Bombenangriff 1942 wurde der Pavillon zerstört. Der Pavillon, wie wir ihn heute kennen, wurde 1952–1953 erbaut; später, Anfang der Neunzigerjahre, wurde er noch einmal umgebaut.

Hier endet unsere Tour rund um die Alster. Das Erinnern geht weiter.

An dieser Stelle noch vielen Dank an die KZ Gedenkstätte Neuengamme und die Historischen Museen Hamburgs!

*Diese Information habe ich später ergänzt, Iris hatte mich darauf hingewiesen – danke noch mal dafür.

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4 Comments

  • Reply
    Melanie
    Januar 29, 2018 at 9:32 am

    Richtig gute Zusammenfassung. Wie konntest du dir das alles merken? Ich habe direkt zu Beginn aufgehört, mitzuschreiben, weil ich sonst sicher die Hälfte gar nicht erst gehört hätte. Zum Glück konnte ich hier nun alles noch einmal nachlesen.

    • Reply
      copycat
      Januar 29, 2018 at 10:48 pm

      Ohh dankesehr, das freut mch echt! Ich habe mir während der Tour von den wichtigsten Punkten Notizen gemacht, Teile der Ausstellung am Anfang hab ich abfotografiert. Manche Sachen habe ich später online noch mal nachgesehen. Alles hab ich mir also auch nicht gemerkt. :) Aber ja, waren bisschen viele Informationen auf einmal, ging mir auch so.

  • Reply
    Natalia
    Januar 27, 2018 at 9:27 pm

    Voll spannend Petra und cool, dass du so etwas teilst! :) Haben sicher jetzt einige durch dich darüber gehört und werden sich das auch anschauen. Ich frag mich, ob es in Wien auch so was gibt?

    • Reply
      copycat
      Januar 27, 2018 at 10:35 pm

      Danke dafür :) Ja, in Wien gibt’s sicher auch solche Veranstaltungen. Das ist ja ein internationaler Tag, der Holocaust Remembrance Day.

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